Nationale Interkulturalität

Asymmetrie im Dialog
von Andreas Görg
2008 begehen wir das Europäische Jahr des interkulturellen Dialogs. Das ist nicht weiter bemerkenswert. Dieser Artikel will nicht den Fehler begehen, ein EU-Legitimationsspektakel durch öffentliche Kritik aufzuwerten. Von der Mehrheit der LeserInnen wünscht sich der Autor daher an dieser Stelle ein schlichtes schulterzuckendes „Amen“ zu diesem supranational heiss gemachten Lüftchen, das an der breiten Öffentlichkeit wie ein päpstlicher Aufruf zur Ökumene vorbeigehen wird. Dieser Artikel wendet sich nur an die Hartnäckigen, die nicht mit den Schultern zucken können, weil sie ihre Schultern ständig gegen den großen runden Stein pressen, den sie langsam den Berg hinaufrollen.

Spannungsfeld

Im BMUKK ist ein Nationales (sic!) Komitee angesiedelt, in dem die Inhalte des Jahres des interkulturellen Dialogs diskutiert werden. Wir, die Sisyphus-Fraktion, sind in dem ca. 40 Personen umfassenden Komitee wie immer minoritär vertreten durch KollegInnen insbesondere von der IG Kultur Österreich und anderen kulturfeldbezogenen Interessengemeinschaften sowie der Wiener Integrationskonferenz. Auch ENARA – European Network Against Racism Austria hat Ambitionen, sich an diesem Hang mit gegen den Stein zu stemmen. De facto findet das Jahr des interkulturellen Dialogs in diesem Komitee statt. Hier geschieht die symptomatische Verdichtung der relevanten sozialen Spannungen. Hier treffen die Diskursstränge zum interkulturellen Dialog aus unterschiedlichen Richtungen aufeinander. Natürlich werden hier nur Stürme im Wasserglas inszeniert. Das ministerial beherrschte Komitee ist eine Sackgasse: Drinnen staut es sich, es gibt wenig Raum zum Manövrieren und heraus kommen die Leute fast genau so wie sie reingekommen sind.

Die Asymmetrie zwischen den beteiligten Kräften ist eklatant. Die Delegierten der anderen Ministerien und Institutionen haben kein pouvoir. Sie werden delegiert, weil das interministerielle Ritual es verlangt und sie kommen, weil sie persönlich neugierig und engagiert sind und der erdrückenden Einsamkeit ihrer eigenen Tintenburg entrinnen wollen. Sie sind in beratender und lernender Funktion zugegen, für den Fall, dass sie selbst mal hauptverantwortlich ein Europäisches Jahr oder ein ähnliches Event koordinieren müssen. Dass die meisten Delegierten nicht mit Handlungsspielraum ausgestattet sind, macht die Macht der hinter ihnen stehenden Institutionen nur noch unangreifbarer. Die key actors in diesem Ritual sind die koordinierenden BeamtInnen des BMUKK. Von ihrem Verständnis für die Materie, ihrem Engagement, ihrem Handlungsspielraum und ihrer Durchsetzungsfähigkeit gegenüber ihrer eigenen Institution hängt es ab, was letztlich in diesem Europäischen Jahr herauskommt. Eine wesentliche Rolle spielen auch die umsetzenden Instanzen. Im heurigen Jahr sind das insbesondere der ORF und die freien Radios. Die wenigen geladenen NGOs nehmen in der Gruppe die Omega-Position ein. Ihre Aufgabe ist es, durch ihren Widerspruch den Sturm im Wasserglas zu entfachen. Ihr Kontra macht das Komitee für die Delegierten aus den anderen Ministerien und Institutionen attraktiver und lehrreicher. Für die BeamtInnen aus dem koordinierenden Ministerium wird die Angelegenheit mühsamer, weil die Kritik sie über die Grenzen ihres pouvoirs hinaustreiben will. Und die VertreterInnen des ORF, die eigentlich hier sind, um sich für die Umsetzung auf die Schulter klopfen zu lassen, sind angesichts der permanenten Kritik zunehmend frustriert. Frustrierend ist die Angelegenheit auch für die Delegierten der NGOs, die nicht selbst mit der Umsetzung der Aktionen zum Europäischen Jahr beauftragt sind, sondern sich stattdessen mit dem Unverständnis der Verantwortlichen herumschlagen und fast bei jedem Vorschlag neue Grundsatzdiskussionen beginnen müssen.

Was bei den Diskussionen im Komitee herauskommt, ist interkultureller Dialog in Reinkultur. Die subkulturell zu verortenden Selbstorganisationen der kulturellen Minderheiten treffen auf VerwalterInnen des Mainstream. Aber im Gegensatz zu den Ökumene beschwörenden Predigten läuft dieser interkulturelle Dialog unter real life-Bedingungen und -Machtverhältnissen ab. Die Beteiligten sind allesamt hin und her gerissen. Einerseits müssen sie nach außen hin Offenheit demonstrieren, um sich durch Verletzung der moralischen Vorschriften in diesem sozialen Raum nicht ins Abseits zu manövrieren. Andererseits müssen alle taktieren. Die Mächtigeren müssen ihre GesprächspartnerInnen immer öfter vor vollendete Tatsachen stellen, weil sie selbst nicht fähig oder willens sind, gegen die Normalität im Mainstream anzugehen. Die Ohnmächtigeren müssen ihre GesprächspartnerInnen in innere Widersprüche verstricken. Sie müssen die offizielle Moral gegen die faktischen Machtverhältnisse ins Treffen führen und ihre GesprächspartnerInnen als ExekutorInnen der Asymmetrie entlarven, was diese auch in ihrem persönlichen Selbstverständnis als in der Sache Engagierte angreift. Anstatt in der Sache gemeinsam etwas weiterzubringen, treten die im Komitee unlösbaren gesellschaftlichen Konflikte mit fortschreitender Auseinandersetzung immer deutlicher zutage. Die Dynamik der wechselseitigen Frustration treibt auf die Auflösung des Komitees zu. Was in den ersten Sitzungen vor Jahresbeginn unter Beschwörung des gemeinsamen Anliegens so ökumenisch begonnen hat, endet meistens schon im Frühjahr des Europäishen Jahres mit Verschiebungen und Aussetzungen von Komitee-Terminen. Im Sommer passiert sowieso nichts und im Herbst gibt es dann vielleicht noch ein Evaluierungstreffen, bevor es zur Abschlussveranstaltung kommt, auf der dann die zuständigen PolitikerInnen auftreten, die sich das ganze Jahr im Komitee nicht blicken ließen.

So war es im Vorjahr und so wird es auch in diesem und im nächsten Europäischen Jahr sein. Im Nationalstaat wird möglichst schnell von einem zum nächsten Jahresthema übergegangen. Chancengleichheit war 2007, nun ist interkultureller Dialog 2008 und 2009 wird das Jahr der Kreativität sein. Gegen jegliche Nachhaltigkeit ist jedes Jahr wieder ein anderes Ministerium zuständig. Den im letzten Jahr aufgebauten Kontakten zu engagierten BeamtInnen im einen Ministerium wird der Boden entzogen, während im nächsten Ministerium die Grundsatzdiskussionen in veränderter Besetzung von vorne beginnen.

Vor 10 Jahren gab es ein Europäisches Jahr gegen Rassismus. Damals wurden das European Network Against Racism ENAR und das Austrian Network Against Racism ANAR gegründet. Im Jahr des interkulturellen Dialogs wird keine Organisation gegründet und dauerhaft mit Finanzen ausgestattet werden. Die Zeiten haben sich geändert. Die chronische Unterfinanzierung der Europäischen Jahre ist ein weiteres Signal, dass die EU ihr Jahresmotto nicht mehr ganz so ernst nimmt. Außerdem haben die EU und die nationalen Stellen gelernt, mit der Dialektik der Legitimationsveranstaltung umzugehen. Im Moment des Legitimationsversuchs könnte die Kritik durch Hinweis auf die offensichtlichen Widersprüche zwischen dem offiziell proklamierten Ideal und der gesellschaftlichen Realität die Wirkungen des Legitimationsversuches unterlaufen. Im besten Fall kann die Kritik die hegemonial geschaffene Öffentlichkeit nutzen und den Effekt des fehlschlagenden Legitimationsversuches vollkommen gegen die herrschenden Machtverhältnisse wenden. Dieses antihegemoniale Potential wird abgefedert, indem die Kampagnenarbeit an Mainstreamorganisationen wie z.B. Werbeagenturen oder den ORF vergeben wird. Die Geschichte des Europäischen Jahres gegen Rassismus zeigt, dass Europäische Jahre nicht so sein müssen, wie sie derzeit gehandhabt werden, sondern sehr wohl nachhaltige wünschenswerte Effekte erzeugen können. Zentral ist die Frage der Ressourcenvergabe. Werden Mainstreamorganisationen oder Organisationen der diskriminierten Gruppen und Minderheiten mit Mitteln ausgestattet; oder als Mittelweg vermittelnde bzw. fürsprechende Interessenvertretungs- und Lobbyinginstanzen.

Dass es nicht ganz sinnlos ist, sich auch im Rahmen der gegenwärtigen Ausrichtung in die Auseinandersetzungen rund um Europäische Jahre einzulassen, zeigt der Coup der freien Radios, die es heuer geschafft haben, sich neben dem ORF ein Stück vom Subventionskuchen zu holen. Dem Vernehmen nach hat der ORF bei der offiziellen Einreichung die Frist versäumt, also mussten die ausgeschriebenen Mittel an ein anderes einreichendes Projekt vergeben werden und das waren die freien Radios. Diese können nun immerhin im Projekt „Radiodialoge – Stimmen der Vielfalt“ ein paar Menschen aus unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen journalistisch ausbilden. Natürlich funktioniert das hegemoniale Arrangement trotz dieses finanzierungsbezogenen Lapsus des ORF. Die Dialog-Tour des ORF durch die Landeshauptstädte bildet den wichtigsten Schwerpunkt der Medienkooperation des BMUKK.

Dialog?

Auf http://www.bmukk.gv.at/medienpool/15820/presseinformation_lv.pdffindet sich die Langversion der Presseinformation zum Europäischen Jahr des interkulturellen Dialogs 2008. In diesem Dokument sind die gesellschaftlichen Probleme und Widersprüche rund um den Versuch eines interkulturellen Dialogs sehr anschaulich verdichtet. Meine Lieblingspassagen in den ersten beiden Absätzen lauten: „Eine Herausforderung unserer Zeit liegt darin, das Wesentliche der eigenen Identität zu wahren und das Verbindende mit anderen Kulturen zu entdecken. Der interkulturelle Dialog ist hierfür der geeignete Weg. Er bereitet die Basis für ein besseres gegenseitiges Verständnis der Kulturen und bietet Europas BürgerInnen die Chance, sich in einem komplexen kulturellen Umfeld zurechtzufinden. (…) Das Europäische Jahr des interkulturellen Dialogs soll den Menschen in Österreich den wirtschaftlichen und sozialen Mehrwert kultureller und sprachlicher Vielfalt im Sinne nachhaltiger Entwicklungen vermitteln. (…) Gegenseitige Wertschätzung ist die Basis für sozialen Frieden, und dieser wiederum für eine florierende Wirtschaft.“ Was hier so salbungsvoll gequirlt verpackt wird, ist die Krise des neoliberalen Vergesellschaftungsmodells. Maßgebliche Teile des hegemonalen Arrangements sind wegen des Rassismus der BürgerInnen und der hie und da aufbrechenden gewaltsamen Gegenreaktionen verunsichert. Daher lassen sie einen säkulären Gottesdienst inszenieren, um den sozialen Frieden zu beschwören. Die message an die BürgerInnen lautet: Bleibt cool. Die bestehenden Ausbeutungsverhältnisse nutzen überwiegend Euch. Eure Identität könnt Ihr auch wahren, denn die Kulturen bleiben als getrennte Blöcke bestehen. Es bleibt also Alles beim Alten. Soziale und kulturelle Konflikte sind nur Missverständnisse und können durch ein wenig guten Willen, besseres Verständnis und Dialog ausgeräumt werden. Wer sich dennoch mit dem Bisschen Komplexität im kulturellen Umfeld nicht abfinden und nicht cool bleiben kann, findet sich offensichtlich in unserer Zeit nicht mehr zurecht, wird mit den Herausforderungen nicht fertig und gilt fortan als verwirrt. Die Verwirrten gefährden den sozialen Frieden und die Wirtschaft und schaden damit allen BürgerInnen.

Diese hegemoniale Propagandabotschaft an die BürgerInnen soll via Medienkooperation mit dem ORF in allen Landeshauptstädten verbreitet werden. Dialog wird als Heilmittel präsentiert, so als könnte beispielsweise Sexismus dadurch ausgeräumt werden, dass Frauen und Männer miteinander reden. Vollkommen ausgeblendet bleiben die gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Es wird so getan, als sei ein Dialog zwischen „Kulturen“, also zwischen Mehrheit und Minderheiten unabhängig von den bestehenden Machtasymmetrien möglich und zu Befriedungszwecken nützlich. Eine solche Perzeption von Dialog verewigt zunächst einmal die gesellschaftlichen Konstruktionen jener Identitäten, die da miteinander in Dialog treten sollen.

Damit das Aufeinandertreffen von – teilweise nur scheinbarer bzw. hegemonial herbeidefinierter – Verschiedenheit zu einem Dialog und zu eventuellen Konfliktlösungen führt, müssten entsprechende Voraussetzungen in einem Diskussionsprozess mit dem Beteiligten entwickelt werden. Ein Einstieg in einen Dialog erfordert wechselseitigen Respekt und von allen Beteiligten anerkannte Regeln, die auch die Umsetzung eines Diskussionsergebnisses inkludieren. Respekt ist hier im Sinne der Zuschreibung eines Machtpotentials zu verstehen. Eine Person oder Gruppe hat sich Respekt verschafft, wenn ihr Gegenüber im Konfliktfall von der Möglichkeit der Durchsetzung auch gegen sich selbst, von einem ungewissen Ausgang der Auseinandersetzung oder von der Möglichkeit ausgeht, in einer Auseinandersetzung zwar nicht zu unterliegen aber doch Schaden davonzutragen. Respekt ist dann gegeben, wenn das Gegenüber eine Eskalation vermeiden will und daher zu Zugeständnissen bereit ist. Respekt und Regeln basieren also nicht auf Menschenfreundlichkeit oder Höflichkeit, sie basieren auf einem relativen Machtgleichgewicht, das zwischen den am Dialog Beteiligten als Voraussetzung gegeben sein muss, sei es durch eine gewaltenteilig installierte Instanz, welche eine Durchsetzung des Diskussionsergebnisses garantieren kann oder – da eine solche Instanz offensichtlich fehlt – durch selfempowerment-Maßnahmen der Minderheiten bzw. Gruppen, die gesellschaftlich systematischen Diskriminierungen ausgesetzt sind. Angesichts des Bedarfs an selfempowerment-Maßnahmen wird das Fehlen entsprechender Finanzierungsangebote seitens der Institutionen ausgerechnet im Jahr des interkulturellen Dialogs umso eklatanter.

Ein dem sozialen Frieden förderlicher Dialog zielt auf eine Annäherung der Positionen oder zumindest auf dem Finden von einvernehmlichen Abgrenzungen, die ein Leben in der Verschiedenheit nebeneinander ermöglichen. Ein solcher Dialog muss daher Konsequenzen haben, sonst scheitert er bzw. wird als Instrument der Kalmierung von Gegensätzen und des Hinauszögerns von Konfliktregelungen missbraucht. Damit ein Dialog gelingen kann, muss unterschieden werden zwischen sozialen Unterschieden, die Gleichstellungsmaßnahmen erfordern, und kulturellen Unterschieden, die Akzeptanz und Wertschätzung in der Verschiedenheit erfordern, die aber auch zur Debatte bzw. in Auseinandersetzung und Veränderung stehen und Personen nicht aufgrund ihrer Herkunft ewig anhaften. Damit ein Dialog im Sinne der Erzeugung von sozialem Frieden gelingen kann, muss weiters unterschieden werden zwischen jenen Problemen, die im Einflussbereich der am Dialog Beteiligten wirklich lösbar oder zumindest gut abfederbar sind und jenen Problemen, die nur durch Struktursetzungen in anderen Bereichen der Gesellschaft lösbar sind und deren Lösung die Beteiligten mithin in der Gesellschaft gemeinsam einfordern müssen. Dialoge mit untergeordneten VertreterInnen von Institutionen mit beschränktem pouvoir, wie sie im Nationalen Komitee geführt werden, haben somit auch nur eine sehr beschränkte Reichweite. Realistische Lösungsperspektiven für gesellschaftliche Konflikte können nicht entwickelt werden.

Ein Aufruf zum interkulturellen Dialog wirkt gerade für rassistisch diskriminierte Gruppen wie ein Hohn, wenn der nächste rassistische Wahlkampf seine diskursiven Wellen schlägt und die schon fast 2 Jahrzehnte andauernde etappenweise Verschärfung der fremdenrechtlichen Bestimmungen nicht zurückgenommen, sondern die Festung Europa weiter ausgebaut wird. Aus dieser Perspektive hat interkultureller Dialog keine Perspektive und wird daher auch kaum angestrebt. Das Jahr des interkulturellen Dialogs bleibt ein kleines Zugeständnis an jene Kräfte im hegemonialen Arrangement, die sich um den sozialen Frieden sorgen. Aber diese wohlmeinenden bis naiven Kräfte finden bei den diskriminierten Gruppen aus oben genannten Gründen keine AnsprechpartnerInnen für einen Dialog, sondern sie werden zurecht mit Kritik gegen einen solchen Dialog konfrontiert. So bleibt das Europäische Jahr des interkulturellen Dialogs ein weiterer unbeholfener und zum Scheitern verurteilter Versuch, ein bisschen Liberalität in den Bau der Wohlstandsfestung EU einzuschleusen. Immerhin hat diese Inszenierung den Effekt der Beruhigung des liberalen Gewissens. Die Verantwortlichen können sich selber auf die Schulter klopfen, weil mensch ja immerhin probiert hat, Gutes zu tun. Dass solche Güte nur aus einer Position der Überlegenheit mit ungleicher Ressourcenverteilung funktioniert, also durch ein Machtgefälle geprägt ist, gibt solcher Gutmenschlichkeit einen extrem negativen Beigeschmack, umso mehr, als sie nicht das Ganze in Frage stellt und keine maßgebliche Veränderung sondern nur Korrekturen im unantastbaren bestehenden System bewirken will.

Ein Dialog braucht das Eigeninteresse der Beteiligten am Dialog. Nur allzu leicht können Dialoge als Machtinstrumente missbraucht werden, um Informationen zu gewinnen, Lösungen zu verzögern und Minderheiten zu spalten. Dementsprechend ist es problematisch, Dialoge von oben zu inszenieren, wie es in einem Jahr des interkulturellen Dialogs unweigerlich passiert. Wenn überhaupt, dann müssen die Dialoge von kulturellen Minderheiten bzw. sozial schlechtergestellten Gruppen ausgehen. Dementsprechend ist es notwendig, dass die Dialoge von Selbstorganisationen dieser Gruppen konzipiert und organisiert werden und nicht von Nationalen Komitees unter ministerialer Leitung oder vom ORF. Dies entspricht einer paternalistischen Herangehensweise ohne Nachhaltigkeit. Seitens der Mehrheit und der Institutionen sollten stattdessen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, damit die Selbstorganisationen solche Dialoge öffentlichkeitswirksam in Szene setzen können. Allenfalls könnten die VertreterInnen der Mehrheit Dialogbereitschaft im Sinne von Veränderungsbereitschaft signalisieren. Die Presse-Information signalisiert jedoch genau das Gegenteil, indem sie gleich im ersten Absatz den Anspruch auf die Wahrung des Eigenen herausstreicht.

Die Rede vom Dialog scheint jene Funktion einzunehmen, die vormals durch den neuerdings endlich desavouierten Begriff Toleranz markiert wurde. Always remember: Ein Türke im Vatikan kann den Papst nicht tolerieren. Toleranz bezeichnet ein Herrschaftsverhältnis. Dialog ist ein hegemonial definiertes Feld, in dem klar abgegrenzt wird, mit wem in Dialog getreten wird. Dialog gibts mit denen, die von der Hegemonie toleriert werden, weil sie für das hegemoniale Arrangement nützlich sind. Mit den Menschen, die aus Hoffnung auf ein besseres Leben in die EU ohne Papiere einreisen wollen, gibt es keinen Dialog. Da herrschen Zero-Tolerance und Krieg. Genauso herrscht Krieg gegen die Personen, die aufgrund von Verschärfungen der Fremdengesetze illegalisiert und zur Jagd durch die Polizei samt Schubhaft und Abschiebung freigegeben werden. Aber auch der Aufruf zum Dialog mit den anderen „Kulturen“ kann widerrufen werden. Die Integration in ein gemeinsames Ganzes wird nicht vollzogen. Stattdessen wird ein unheiliger Gaststatus des Anderen perpetuiert. Dennoch ist dieses Signal in Richtung Dialog von oben nicht vollkommen ohne Bedeutung, denn es stellt fest, welche Gruppen ihre Interessen überhaupt im Rahmen des politischen Systems vertreten dürfen und gehört werden. Es handelt sich also um die Einführung einer Abstufung. Da mit dem interkulturellen Dialog vorwiegend MigrantInnen gemeint sind, ist dieses Signal wohl als politisches Zugeständnis der hegemonialen Kräfte zu werten. Über Ungleichheit und gesellschaftlich systematische Diskriminierung wird in den offiziellen Papieren zum Jahr des interkulturellen Dialogs aber wohlweislich nicht gesprochen. So weit geht das Zugeständnis dann doch nicht. Das zeigt sich auch daran, dass es ganz out ist, von Rassismus zu sprechen.

Interkulturalität?

Hinter der Rede von den „Kulturen“, die sich da historisch starr als Blöcke gegenüberstehen, wie im Ideologem vom „Kampf der Kulturen“ so massenwirksam unterstellt wird, steckt ein fundamentales Unverständnis für Interkulturalität. Am dritten Absatz der Presse-Information des BMUKK unter dem Titel „Was bedeutet „Interkultureller Dialog“?“ lässt sich ablesen, dass die Kulturinitiativen ihren Diskurs über „Kultur als einen permanenten Schaffens- und Wandlungsprozess“ erfolgreich in die Diskussion und in die offiziellen Papiere eingeschleust haben. Allerdings steht dieser veränderungsbetonende Kulturbegriff der Rede von „den Kulturen“ noch unvermittelt gegenüber und bildet gleichsam einen Fremdkörper in der Presse-Information. Außerdem vermittelt die Presse-Information den Eindruck, dass die Diskussion zum Kulturbegriff so viel Zeit in Anspruch genommen hat, dass der Begriff der Interkulturalität ebensowenig wie der Begriff des Dialoges reflektiert werden konnte. Um eventuelle Kritikpotentiale in einem Jahr des interkulturellen Dialoges auszuloten, müssen wir uns damit auseinandersetzen, was unter Interkulturalität überhaupt zu verstehen ist.

Wenn unterschiedliche kulturelle Ausdrucksformen aufeinandertreffen, gibt es mehrere mögliche Effekte:
1.) Ablehnung, Skepsis, Abstoßung bis hin zu Bekämpfung, Unterdrückung und Verdrängung
2.) Abgrenzung, möglichst friktionsfreie parallele Existenz bis hin zum Desinteresse
3.) Neugier, Auseinandersetzung, die eventuell in Übernahme oder Vermischung zu neuen kulturellen Ausdrucksformen resultiert.
Diesen 3 Möglichkeiten können folgende Begriffe zugeordnet werden:
1.) Monokulturalität
2.) Multikulturalität
3.) Interkulturalität
In modernen Gesellschaften existieren diese 3 Möglichkeiten des Umgangs mit den kulturellen Unterschieden stets parallel und werden von unterschiedlichen gesellschaftlichen Kräften forciert. Interkulturell ist also die Eigenschaft
— sowohl einer von Neugier geprägten Auseinandersetzung mit bislang fremden kulturellen Ausdrucksformen mit noch ungewissem Ausgang
— als auch einer daraus eventuell resultierenden neuen kulturellen Ausdrucksform.

Interkulturalität setzt voraus, dass unterschiedliche kulturelle Ausdrucksformen aufeinandertreffen. Woher kommt diese Unterschiedlichkeit? Warum nehmen wir eine andere kulturelle Ausdrucksform nicht einfach unbefangen als neu und uns selbst als Lernende wahr? Ein solch unbefangener Umgang mit kulturellen Ausdrucksformen, mit denen wir uns konfrontiert sehen, wird durch gesellschaftliche Diskurse durchkreuzt, die das Fremde als unterschiedlich vom Eigenen definieren und damit kollektive Identifizierungsangebote und -notwendigkeiten schaffen. Das Fremde ist alsbald vorurteilsvoll beleuchtet. Das oberflächliche Bild des Fremden ist nicht unbekannt. Es wird vielmehr ständig beschrieben, um das Schlechte darauf zu projezieren und die Unterschiedlichkeit zwischen den Gruppen samt den sozialen Konsequenzen (u.a. Vermischungsverbot, Abwertung, Verdrängung, Vernichtung) zu rechtfertigen. Das Eigene wird erst über die Konfrontation mit dem Fremden kollektiv bewusst. Das Eigene ist ohne das Fremde nicht denkbar. Das, was in der Konfrontation mit den Alternativen unter den Vorzeichen des Diskurses über das Fremde als Eigenes bewusst wird, ist vorher das Normale, das Unreflektierte, Unbegriffene. Aus dem Stadium der kollektiven Bewusstlosigkeit bezüglich der Normalität tritt das Eigene heraus, indem das Fremde definiert wird. Das Eigene wird also vornehmlich über das definiert, was es nicht ist. Das Eigene wird in Diskursen über das Fremde meist nur implizit beschrieben; wohl auch um die eigene Normalität nicht der Reflexion preiszugeben, weil das Nicht-in-Frage-Gestellte einen wesentlichen Faktor für die Stabilität der Herrschaftsverhältnisse darstellt. Ohne die vorherige Grenzziehung zwischen dem Eigenen und dem Fremden gibt es weder Mono-, Multi- noch Interkulturalität. Diese Voraussetzung ist unentrinnbar auch für jene Diskurse, die sich mit Interkulturalität auseinandersetzen und die Grenzen zwischen kulturellen Ausdrucksformen verwischen wollen. Wer von Interkulturalität spricht, hat die Grenze zwischen dem Eigenen und dem Fremden schon mitproduziert. Diese auf Basis von Fremddefinitionen vollzogene Grenzziehung ist gleichzeitig die Voraussetzung für Rassismen aller Art. Die Auseinandersetzung mit Interkulturalität bewegt sich unter diesen Vorzeichen wie auf einem Minenfeld. Die Alternative wäre ein unbefangener Umgang mit kulturellen Ausdrucksformen unter Negierung von gesellschaftlichen Definitionen des Fremden. Aber eine solche wenngleich sinnvolle Umgehung der problematischen Diskurse läuft Gefahr, als Zurückschrecken vor der Auseinandersetzung mit einer gesellschaftlichen Realität und als Zementierung der in den letzten Jahrhunderten gewachsenen gesellschaftlichen Asymmetrien missverstanden zu werden. Die Zurückhaltung gegenüber einem im Mainstream rassifizierten Kulturbegriff und dem darauf basierenden Verständnis von Interkulturalität ist zwar verständlich, aber der Verzicht auf die Herausforderung der Definitionsmacht der RassistInnen führt zur Zementierung der neorassistischen Konnotation des Kulturbegriffes. Daher wagen wir uns nun in das Minenfeld.

Interkulturalität geht also einerseits von der Unterschiedlichkeit zwischen Eigenem und Fremdem aus, ist jedoch gleichzeitig jene Form des Umgangs mit als unterschiedlich vom Eigenen wahrgenommenen kulturellen Ausdrucksformen, die auf Austausch, wechselseitige Anregung, Kreativität, Innovation und eventuelle Vermischung gerichtet ist. Insofern ist Interkulturalität in ständiger Auseinandersetzung mit den eigenen Voraussetzungen. Interkulturalität verlangt eine Evaluierung des Eigenen und des Fremden, das zum Eigenen werden oder sich mit dem Eigenen zu etwas Neuem mischen könnte. Was als das Eigene gilt, obliegt allerdings weiter v.a. der gesellschaftlichen Definitionsmacht. Hier stößt der Begriff der Interkulturalität mit dem Begriff der Kultur(en) zusammen, deren Vermischbarkeit und Veränderlichkeit behauptet wird. Damit wird ansatzweise die rechte Hegemonie über den Kulturbegriff angegriffen, indem die Auflösbarkeit der Grenzen des Eigenen in Richtung eines neuen Dazwischen gegenüber dem Anderen behauptet wird. Zaghaft, aber immerhin werden die Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Fremden als veränderlich und abbaubar impliziert. Der Diskurs über Interkulturalität – neuerdings erweitert durch den Begriff der Transkulturalität, der durch Konzentration auf vielfältige Verflechtungen, Durchmischungen und Fusionen versucht, die Abgrenzungsbemühungen und das Blockdenken noch weiter aufzulösen – ist somit ein historischer Zwischenschritt auf diesem Weg der Auflösung der rassistisch und nationalistisch aufgespaltenen Felder des Eigenen in Richtung einer vereinten Menschheit. Letzlich geht es um die Frage, wer in ein gesellschaftliches konstruiertes Wir integriert und inkludiert wird. Um die rechte Hegemonie zu brechen, muss dieses Wir auf Alle erstreckt werden. Interkulturalität erschließt sich durch die Auseinandersetzung mit dem Eigenen anhand des Alternativen. Dies erfordert Bereitschaft zu Kritik und Akzeptanz des jeweils Anderen im Zeichen der Gleichheit aller Menschen.

Der Diskurs über Interkulturalität entsteht nicht umsonst in einer Phase der Auflösung des Nationalstaates. In Zeiten des sich in Richtung Supranationalität und Globalität auflösenden und sich in seiner Funktionalität transformierenden Nationalstaates verlieren jene Kräfte an Boden, die eine Ideologie der Monokulturalität in die Tat umsetzen wollen. Das rechte Modell der Heimat ist ein Auslaufmodell, das jedoch trotz seines Anachronismus und entgegen den tatsächlichen Entwicklungen ein großes, weil (vonwegen Sicherheit, Geborgenheit, Zugehörigkeit) hoch emotionalisiertes Mobilisierungspotential in sich trägt. Der Nationalstaat löst sich jedoch nicht nur nach oben hin auf, er bekommt auch verstärkt die Funktion der Sicherung der Wohlstandsfestungen. Während an den Grenzen militärisch gesichert und getötet wird, ist die Befriedung im Inneren tendenziell darauf verwiesen, die benötigten und nützlichen MigrantInnen in den hegemonialen Konsens gegen die Illegalisierten und das Schreckgespenst von den herandrängenden Drittstaatsangehörigen einzubinden. Das Jahr des interkulturellen Dialogs ist also auch ein Signal an die neu Inkludierten, deren Spaltung von den Exkludierten durch diese Einbindung betrieben wird.

Moderne Gesellschaften sind von der starken Tendenz zur Multikulturalität geprägt. Multikulturalität steht für eine Begegnung unterschiedlich bleibender kultureller Felder im selben Raum. Die aufeinandertreffenden kulturellen Ausdrucksformen gehen keine Verbindung ein. Sie existieren einfach parallel und vermeiden auf Austausch gerichtete Auseinandersetzung. Real existierende Multikulturalität in modernen Gesellschaften ist durchwegs von einer dominanten Kultur gekennzeichnet. Diese dominante Kultur ist jene der jeweiligen nationalen Bourgeoisie. Der Mainstream findet noch immer im Nationalen seine wesentlichen Identifikationspunkte und Abgrenzungen nach außen. Allerdings ist auch zu beobachten, dass sich der Mainstream in wesentlichen insbesondere konsumbezogenen Teilen in Richtung vereinheitlichter Weltkultur mit internet-english als Lingua franca entwickelt und sich die nationale Bourgeoisie in die Hierarchien einer transnationalen Bourgeoisie ein- und unterordnet, wenn z.B. die Chefsessel in größeren Unternehmen in Österreich entlang der Eigentumsverhältnisse zunehmend von Deutschen und EngländerInnen besetzt werden. Das Nationale im Mainstream verliert auch aufgrund der Bevölkerungsentwicklung schleichend an Boden. Die solchermaßen im Wandel befindliche dominante Kultur reguliert das Nebeneinander mit anderen Kulturen, indem bestimmte Sub- und Teilkulturen gefördert und andere gesellschaftlich systematisch diskriminiert und verfolgt werden. Die dominante Kultur spielt gegenüber dieser Vielfalt ihre Dominanz aus, um ihre Identität, dh. ihre Normen und in weiterer Folge ihre internen Herrschaftsverhältnisse zu bewahren. Unter der solcher Schirmherrschaft der dominanten Kultur entwickelt sich realexistierende Multikulturalität. Dieser Diskurs der Multikulturalität, in dem Dominanzverhältnisse wohlweislich dethematisiert werden und Kulturen als Blöcke dastehen, liegt auch der Presse-Information des BMUKK zugrunde, so als ginge es um ein Jahr des multikulturellen Dialogs.

Interkulturalität hingegen steht für eine Auseinandersetzung von zwei oder mehreren kulturellen Ausdrucksformen miteinander. Es geht um eine Kommunikation „dazwischen“ (inter), in der beide Seiten etwas einbringen. Die Dynamiken des Interkulturellen können unterschiedlich gelagert und durchaus an der Grenze zur Multikulturalität angesiedelt sein: touristisch, exotistisch, (post)kolonialistisch, ethnologisch usw. Der Grad der Einlassung auf das Andere entscheidet darüber, inwieweit der Bereich des Multikulturellen in Richtung Interkulturalität überwunden wird. Die Motive der Neugier, die zur interkulturellen Auseinandersetzung führt, reichen von Ausbeutung und Verwertungsorientierung bis hin zu Innovationsdrang, Selbstreflexion und Sinnsuche. Interkulturalität ist daher nicht per se positiv besetzt. Im Gegenteil sind positive, von Akzeptanz und Offenheit getragene, befruchtende Auseinandersetzungen mit dem Anderen eher in der Minderheit. Das Gros der interkulturellen Auseinandersetzungen findet im Bereich des Konsums statt. Das Ungewohnte wird warenförmig angeboten und konsumiert, wodurch es oberflächlich zum Gewohnten wird. In dieser Logik rankt sich die sogenannte „Dialog-Tour“ des ORF in den Landeshauptstädten um Themen wie Gewürze und kochen, Trachten und Fremdsprachenvermittlung durch AuslandskorrespondentInnen als Publikumsmagneten. Damit werden im Jahr des interkulturellen Dialogs jegliche Veränderungspotentiale des Interkulturellen ausgeschaltet. Dass die Stimmung im Nationalen Komitee angesichts solcher auf Exotismus und Konsum gerichteten Vorschläge und des vehementen Widerspruchs der NGOs dagegen schnell frostig geworden ist, kann niemand wundern.

Interkulturalität wird anders als Mono- und Multikulturalität im mainstream nicht als Gesellschaftsmodell verhandelt, obwohl die warenförmige Interkulturalität ein zentrales Drehmoment der Globalisierung darstellt. Die positive Auseinandersetzung mit Verschiedenheit und die Erzeugung von kulturellen Innovationen wird de facto hauptsächlich auf ein kleines Segment im Bereich von Kunst beschränkt. Cross over ist hip, aber bitte nur in der Kunst. Transgender wird demgegenüber immer noch als Verirrung betrachtet. Das Gros der Begegnung der Differenzen wird unter dem Schlagwort Globalisierung durchwegs ablehnend fatalistisch abgehandelt. Bislang gibt es trotz 20 Jahren akademischer Diskussion in Pädagogik und Soziologie keine erfolgreichen Versuche, diese Prozesse ideologisch positiv zu besetzen und eine Idee von Interkulturalität im Mainstream zu verankern.

Dass es den Kulturinitiativen gelungen ist, in der Presse-Information einen das Element der Wandlung betonenden Kulturbegriff zu verankern, ist zwar ein kleiner Teilerfolg. Dieser Kulturbegriff geht jedoch ins Leere, solange er der Rede von den Kulturen in der Presse-Information unvermittelt gegenübersteht. Die postulierte Unüberbrückbarkeit zwischen den Kulturen wird durch den Wandlung betonenden Kulturbegriff viel zu implizit tangiert, als dass er propagandistische Effekte haben könnte. Die Rede von den Kulturen muss ganz unmittelbar herausgefordert werden. Dass solche Ideologeme immer noch die implizite Grundlage für offizielle Aussendungen des BMUKK im Jahr des interkulturellen Dialogs bilden, zeigt, dass wir die rechte Definitionsmacht in diesem Bereich bislang nicht effektiv herausgefordert haben. Wir haben vielmehr das ideologische Feld rund um den Kulturbegriff lange Zeit sträflich vernachlässigt. Kultur ist Privatsache, aber die Diskriminierung aufgrund der Zuschreibung einer Zugehörigkeit zu einem (ev. konstruierten) kulturellen Kollektiv ist eine hochpolitische öffentliche Angelegenheit. Interkulturalität wäre ein Ansatzpunkt, um die Überbrückbarkeit der Differenzen zwischen den Traditionslinien hervorzuheben und die Geschichte der sozialen Spaltungen aufzuarbeiten, die durch Rassismen und Kulturalismen seit Beginn der Neuzeit verschleiert wurden. Ansonsten bleibt der national verfasste interkulturelle Dialog in der vom BMUKK praktizierten Form trotz alles persönlichen Engagements der Beteiligten nur eine Fortsetzung der bestehenden sozialen Frakturen. Wenn interkultureller Dialog für ENARA und andere antirassistische Initiativen Sinn machen soll, dann muss er vom Kulturellen ins Politische gewendet werden. Nach dem Motto: Interkultureller Dialog? Gut! Reden wir zuallererst über Geld und Macht, dh. über Ressourcenverteilung und gesellschaftliche Machtverhältnisse. Und erst wenn wir bei diesen Themen vorankommen, reden wir über private Dinge, wie z.B. unsere kulturellen Eigenheiten. Aber wo liegt da eigentlich das Problem?

Andreas Görg war von 2000 bis Mai 2011 Plenumskoordinator von ENARA.

ENARA – European Network Against Racism Austria ist der vereinsförmige Relaunch des Austrian Network Against Racism ANAR, das seit 1999 eine Diskursplattform für antirassistische Initiativen zur Verfügung gestellt hat und auf europäischer Ebene beim European Network Against Racism ENAR vertreten ist. In der neuen Form will ENARA stärker an die Öffentlichkeit treten.

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