Mobbing als Konfliktderivat

Zur Unterscheidung von Mobbing und Konflikt
Von Andreas Görg 

Was eine Mobbingdynamik ausmacht, lässt sich anhand des Unterschieds bzw. der Überlappung zwischen Mobbing und Konflikten erläutern. Konflikte sind in allen sozialen Konstellationen angelegt und können immer wieder Ausbrüche und Eskalationen hervorrufen. Konfliktausbrüche zu vermeiden ist nicht immer möglich und nicht immer wünschenswert. Denn Austragung von Konflikten und deren Lösung bieten im besten Falle ein Potential, um soziale Bindungen zu stärken und die Qualität der Lebens- und Arbeitssituationen zu verbessern. Eskalationen können Konfliktbewusstsein und Lösungsbereitschaft erzeugen. Und auch Trennung der Konfliktparteien kann eine willkommene Lösung eines Konfliktes bedeuten. Bei Mobbing ist das anders. Mobbing basiert zwar auf Konflikten, aber eine Eskalation des Mobbingprozesses passiert mehrheitlich abseits der zugrundeliegenden Konflikte und trägt somit nicht zur Konfliktlösung bei. Mobbing ist ein destruktives Konfliktventil, d. h. ein durch den Konfliktdruck bedingtes Angriffsverhalten, das größtenteils abseits der zugrundeliegenden Konfliktlinien aktiv(iert) wird. Es kann zwar sein, dass auch zwischen den am Mobbingprozess unmittelbar Beteiligten Konflikte bestehen. Diese werden aber jedenfalls überlagert von Konflikten in anderen sozialen Beziehungen, die sich in verschobener Form in der Mobbingdynamik gleichsam auf Unbeteiligte destruktiv auswirken. Teilweise machen die zugrundeliegenden Konflikte die Lösung der Konflikte zwischen den am Mobbingprozess unmittelbar Beteiligten unmöglich bzw. haben die Mobbenden gar kein Interesse, ihre unmittelbaren Konflikte mit den Angegriffenen aus der Welt zu schaffen.

 

Mobbingverhalten trägt nicht nur nichts zur Konfliktlösung bei. Vielmehr wiederholen sich die Angriffe aufgrund der ungelösten Konflikte ständig und verdichten sich zu Ketten, solange die zugrundeliegenden Probleme nicht (anderenorts) gelöst werden. Mobbingverhalten ist solchermaßen ein Ausweichmanöver, um Druck abzulassen und die eigene Position zu halten oder zu verbessern, obwohl die tatsächlichen Konflikte den Mobbenden unlösbar, ja bisweilen unantastbar erscheinen. Oft wird auch ein Scheinkonflikt der ein Bedrohungsszenario seitens der Angreifenden inszeniert oder aufgebauscht, um das eigene Angriffsverhalten zu rationalisieren bzw. sich nicht mit den tatsächlich relevanten Konflikten auseinandersetzen zu müssen. Für die Angegriffenen ist Mobbing zumeist eine ausweglose Situation, weil sie sich den Angriffshandlungen nicht entziehen, aber auch nichts zur Lösung der zugrundeliegenden Konflikte beitragen können, die nicht ihre Konflikte sind bzw. ihrem Handlungsspielraum ebenso entzogen sind wie dem der Mobbenden. Das Ausmaß und die Dauer der Angriffe steht bei Mobbing üblicherweise in keiner Relation zu den Konflikten, die zwischen den Angreifenden und den Angegriffenen existieren mögen, denn sonst wären die Angriffe der Angelpunkt, um Konflikte anzugehen und nachhaltig auszuräumen. 

Die wiederholten Angriffe machen die Angegriffenen gleichsam mürbe. Die Bandbreite möglicher Mobbingangriffe ist sehr groß. Sie reicht von kleinen Gesten und Verhaltensweisen, die als abfällig oder ausschließend empfunden werden können, über aktives Reden hinter dem Rücken, Lustig- und Schlechtmachen bis hin zu strafrechtlich relevanten Taten wie Beschimpfung, Verleumdung, Diebstahl, Sachbeschädigung, Drohung und Gewaltanwendung. Selbst wenn die Intensität der einzelnen Angriffe sich meistens unter einer Schwelle bewegt, ab der Angriffe von einem neutralen Umfeld wahrgenommen und sozial sanktioniert werden, können die Angriffe mit der Zeit für die Angegriffenen unerträglich werden. Dazu ein bildlicher Vergleich: Mobbing funktioniert wie ein Kratzen an einer Hautstelle. Anfangs ist es höchstens unangenehm, aber je öfter an der selben Stelle gekratzt wird, desto empfindlicher wird die Haut. Irgendwann wird die Stelle wund und das Kratzen beginnt, richtig weh zu tun, aber das Kratzen geht weiter, geht unter die Haut und wird zur Tortur. Es ist insbesondere die Permanenz der Angriffe, die eine offene Wunde erzeugt, die Wirkung der Angriffe im Laufe der Zeit potenziert, bis einzelne und für sich genommen harmlos erscheinende Mobbinghandlungen schließlich zur veritablen Folter für die Angegriffenen werden. Dabei kann es durchaus sein, dass den Angreifenden die verheerende Wirkung ihres Verhaltens nicht oder nicht in dem tatsächlichen Ausmaß bewusst wird, denn für sie ist es ja nur ein harmloses Kratzen, das sie nicht mal selber spüren. Und es kann sein, dass Angegriffene in einem fortgeschrittenen Mobbingstadium in einen von außen leicht als Paranoia misszuverstehenden Zustand verfallen und nicht mehr anders können, als fast jedes Verhalten der Angreifenden als Angriff zu erleben, weil bildlich gesprochen ab Offenheit der Wunde zwischen Kratzen und Streicheln nicht mehr viel Unterschied gespürt werden kann. Der bildliche Vergleich ist problematisch, weil die Betroffenen ihre offene Wunde nicht einfach herzeigen können. Stattdessen zeigen sich in der Regel psychosomatische Beschwerden (Konzentrationstörung, Grübelzwang, Übelkeit, Brechanfälle, Schmerzen ohne feststellbare organische Ursache, Schlaflosigkeit, Depressionen), die für Außenstehende nicht offensichtlich einem Angriffsverhalten zuzuschreiben sind, Es ist sehr schwierig, Mobbingprozesse für Außenstehende nachvollziehbar zu machen, weil die einzelnen Angriffe oft für sich genommen harmlos erscheinen. 

Um die verheerende Wirkung entfalten zu können, benötigt ein Mobbingprozess Zeit und somit stabile, relativ geschlossene soziale Settings, wo die Beteiligten gebunden sind, sich nicht leicht zurückziehen oder andere Wege gehen können. Daher müssen sie die wiederholten Angriffe wegen andernfalls drohenden Nachteilen (Arbeitsplatzverlust, etc.) aushalten. Dementsprechend ist Mobbing (in jeweils verschiedenen Varianten) insbesondere heimisch am Arbeitsplatz (ausgenommen in Zeiten der Vollbeschäftigung bzw. in boomenden Branchen, wo das Wechseln des Arbeitsplatzes kein größeres Problem darstellt), in der Schule, in Familien oder in nachbarschaftlichen Beziehungen. Wie lange ein Mobbingprozess benötigt, um sich voll zu entwickeln, um gleichsam unter die Haut zu gehen, ist von diversen Faktoren abhängig und zeitlich nicht eindeutig zu bestimmen. Die psychische Stabilität der Angegriffenen spielt dabei ebenso eine Rolle wie die Intensität und Dichte der Angriffshandlungen. Die in der Literatur bisweilen vertretene Meinung, dass Angriffe über mehrere Monate wiederholt werden müssen, um als Mobbing definierbar zu sein, ist daher problematisch. Unbestritten ist jedoch, dass der Zeitfaktor eine wesentliche Rolle spielt und dass eine ungebrochene Dynamik der Angriffe verheerende Folgen hat, die in manchen Fällen sogar bis zum Selbstmord reichen. 

Bei Mobbing sind die Angegriffenen in der Regel austauschbar. Wenn eine Person das Team verlässt, sobald für sie der Nachteil durch die Angriffe die im Fall eines Ausstiegs drohenden anderen Nachteile überwiegt, dauert es bei einer entwickelten Mobbingdynamik zumeist nicht lange, bis eine andere Person in die Rolle der Angegriffenen gerät. Die Austauschbarkeit der Angegriffenen hat zur Konsequenz, dass die bei Konflikten üblichen Austragungsformen (Deeskalation, Diskussion, Mediation, Vereinbarung von Verhaltensrichtlinien und Grenzen) bei Mobbing nur zu kurzlebigen Scheinlösungen führen und ein Wiederaufflammen des Angriffsverhaltens (eventuell in anderer Form gegen andere Personen) nicht verhindern. Die dem Mobbing tatsächlich zugrundeliegenden Konflikte sind ganz überwiegend in anderen sozialen Verhältnissen, Widersprüchen und Strukturmängeln zu suchen. 

Konflikte sind lösbar. Mobbing ist nicht lösbar, sondern gleichsam ein Konfliktderivat, das zuerst vor allem auf die Konflikte abseits der am Mobbinggeschehen unmittelbar Beteiligten zurückgeführt werden muss. Mobbing bedeutet ein Abdriften des sozialen Kontexts in einen destruktiven Bereich, in dem das Ziel der Angreifenden letztlich die Verdrängung der Angegriffenen ist, weil sie sich davon in welcher Form auch immer Erleichterung versprechen. Erst die Lösung der abseits liegenden Konflikte nimmt den Druck aus dem sozialen Kontext, in dem sich eine Mobbingdynamik entwickelt hat, welche die Lösung aller sonstigen zwischen den Beteiligten eventuell bestehenden Konflikte verhindert. Je höher der Anteil der unmittelbaren Konflikte zwischen den Beteiligten am Mobbingprozess, desto leichter lässt sich Mobbing beenden. Wohlgemerkt gibt es jedoch auch Mobbingdynamiken, in denen zwischen Mobbenden und Gemobbten gar kein Konflikt besteht. 

Mobbing zu bearbeiten bedeutet 

— erstens, das destruktive Verhalten im betroffenen sozialen Kontext mittels Machtintervention zu unterbinden, also gleichsam das destruktive Ventil zu verschließen, d. h. die Angriffe unmittelbar zu stoppen, und 

— zweitens, die zugrundeliegenden Konflikte (ausgehend von den Mobbenden) zu entdecken, zu rekonstruieren und zu entschärfen, sodass der Konfliktdruck nicht andere destruktive Ventile (Gewalt, Diskriminierung, Autoaggression, Apathie, Suchtverhalten, Vandalismus etc.) oder andere Angegriffene findet.

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