Macht der Diskurse und Diskursivitaet der Macht

von Andreas Görg

Abstract: 
Das Diskursive wird als Dimension des Sozialen gefaßt, die sich als Diskursbeitrag mit anderen Dimensionen des Handelns und als Diskurs mit anderen Dimensionen des Strukturellen verbindet und wirkt. Diskursproliferation wird in Verbindung mit Herstellung von und Eindringen in Teilöffentlichkeiten beschrieben. Die politische Wirksamkeit von Diskursen wird anhand der Begriffe von Demagogie, Propaganda, Ideologie und Demokratie, Hörbarkeit und Ignorierbarkeit, sowie am Beispiel der Stufenfolge der rassistischen Verwerfung „fremder“ Sprechakte thematisiert. Zuletzt wird Diskurs in einem umfassenden Machtbegriff verortet, um den Stellenwert des Diskursiven gegenüber bzw. in Verbindung mit anderen Dimensionen des Sozialen erfassen zu können.

Macht und Diskurs sind zentrale Begriffe der Sozialwissenschaften (im weiteren Sinne). Gleichwohl entsteht oft der Eindruck, daß gerade diese beiden Begriffe ähnlich wie Variablen in der Mathematik verwendet werden, so als könnten sie alles und nichts bedeuten. Im folgenden Artikel soll der Hohlheit und Beliebigkeit der Verwendung dieser beiden Begriffe entgegengearbeitet werden. Insbesondere soll es um den Zusammenhang von Diskurs und Macht, um eine diskurstheoretische Verortung von Möglichkeiten des ‚Politik-Machens‘ sowie um die Herausbildung von Gehör findenden Sprechpositionen von diskursiv Marginalisierten (am Beispiel Antirassismus) gehen.

Diskurs, Handlung und Struktur

Der Diskursbegriff ist en vogue. Daher ist Vorsicht geboten. Bei wissenschaftlichen Modeströmungen besteht die wohlbekannte Tendenz, daß längst Gesagtes mit neuem Etikett unter die Leute gebracht wird. Alles ist plötzlich irgendwie diskursiv. Es stellt sich daher zunächst die Frage, wozu überhaupt der Diskursbegriff. Diese Frage ist ausnahmsweise leicht zu beantworten: Der Diskursbegriff füllt einen Denkraum zwischen Gedankenwelt und Praxis. Diskurs beinhaltet den Prozeß der Repräsentation von Virtuellem ebenso wie von Manifestem, beinhaltet das Zur-Auseinandersetzung-Bringen von Gedanken und ist gerade darin selbst nicht nur gedanklich sondern manifest im Sinne von unmittelbar soziale Wirkungen entfaltend. Diskurs bedeutet einerseits inhaltliche Auseinandersetzung über Bedeutungen. Diskurs bedeutet andererseits auch die Form, in der die Bedeutungen transportiert und überhaupt erst zur Auseinandersetzung gebracht werden. Diskurs beinhaltet Sprechhandeln, Verfassen von Texten und Bildern, Planen, Deuten und Bedeutung geben, Definieren, Nachdenken, inneres Monologisieren, usw. ohne dabei jedoch auf diese Praxisformen reduzierbar zu sein. Vielmehr handelt es sich bei diesen Praxen um Diskursbeiträge, die in die Diskurse eingebunden sind, aus diesen heraus entstehen, sich zu Diskurssträngen formieren und Diskurse als Struktur (re)produzieren. Mithin bezeichnet der Diskursbegriff Vermittlungen und Transformationen zwischen dem Denkbaren und dem Handeln. Diskurs ist gleichsam Fleischwerdung des Wortes und Wortwerdung des Fleisches.

Plötzlich ist alles irgendwie diskursiv. Das liegt wohl an der Konzeption dieses Begriffs, der sich filterhaft zwischen so Vieles schieben läßt. Wenn wir uns auf die Suche nach Phänomenen begeben, die irgendwie nicht diskursiv sind, wie z.B. unsere biologisch-körperliche Existenz oder die Eigentumsverhältnisse, stoßen wir bei genauerer Betrachtung doch wieder auf etwas Diskursives. Insoferne wir unsere körperlich-biologische Existenz auch denkend erfassen, ist sie uns selbst diskursiv vermittelt. Ebenso sind die Eigentumsverhältnisse nicht allein „objektive“ gesellschaftliche Gegebenheiten, sondern in komplexer Weise mit Diskursen verknüpft: Eigentum stellt sich als Amalgam aus zumindest bis ins römische Recht zurückreichenden juristischen Fachdiskursen, aus einer (gemeinhin nicht diskutierten) Normalität der diskursiv zu unternehmenden Verfügungen über das im Eigentum stehende Gut, aus manifesten und bedeutungsgeladenen Beschränkungen, Grenzen und Ausschließungen durch das Eigentum gegenüber allen NichteigentümerInnen, aus Überschreitung dieser Grenzen und den damit zusammenhängenden Kriminalitätsdiskursen, usw. Nichts, was wir denken können, ist uns als Objektives zugänglich, sondern läuft stets durch den Filter der historisch vorfindbaren und weiterentwickelbaren Diskurse.

Mithin kommt dem Diskursbegriff zumindest in der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung eine Sonderstellung zu. Er eignet sich im Sinne einer vertikal durchlässigen Theoriebildung zur Herstellung von Verschränkungen und Verbindungen vom Gesellschaftlichen ins Subjektiv-Psychische. Er ermöglicht Verzahnungen in die verschiedensten Bereiche des Sozialen. Zwar ist nicht alles Soziale nur Diskurs oder auch nur mit Diskurstheorie zu erklären. Jedoch gibt es keinen Bereich eines sozial Manifesten, der vom Diskursiven vollständig trennbar und als eindeutig nichtdiskursiv unterscheidbar wäre.

Zur Erfassung des Diskursbegriffes erscheinen normale pyramidale definitorische Verfahren der Bestimmung eines genus proximum samt differentia specifica (z.B. Existentes umfaßt Diskurs und ’nackte Materie‘) nicht zielführend. Diskurs wäre vielleicht am besten als Dimension zu beschreiben, die das andere durchwirkt, ohne harte Konturen, die jedoch nicht ohne ein hinzutretendes Drittes, nämlich das ‚bedeutunggebende Gehirn‘, die Interaktion mit einem diskursführenden Subjekt (FN 1) existiert. (Daher die Unmöglichkeit, Diskurs mit Materie in eine definitorische Linie zu stellen). Mit der Fassung von Diskurs als Dimension wird es möglich, der Verwobenheit und Unabgrenzbarkeit des Diskursbegriffs gerecht zu werden, ohne dabei den Aussagewert des Begriffs zu verlieren. Die signifikante Differenz des Diskursbegriffs im Verhältnis zu anderen Begriffen muß dementsprechend im dialektischen Zusammenspiel und im wechselseitigen Überschießen der Wirkungen gesucht werden.

Die Entwicklung dieser Differenz soll hier grundlegend anhand der Begriffe von Handlung und Struktur vorgenommen werden: Diskurse sind in Handlungen und Strukturen manifest. In einem zeitlichen Verlauf gedacht, mündet Handeln unmittelbar in Struktur, es wirkt auf Gegebenheiten, die sich unter dieser Einwirkung eventuell verändern oder auch nicht, jedenfalls aber im nächsten Moment wieder das Feld für weitere Handlungen bilden. Mithin werden soziale Strukturen durch Handlungen produziert und reproduziert. Umgekehrt bewirken Strukturen u.a. das Handeln der Subjekte. In diesem Zusammenhang erscheint Diskurs einerseits als Dimension (nicht als Subkategorie) potentiell jeder Struktur, während die mehr oder weniger beabsichtigten Diskursbeiträge als Dimension (nicht als Subkategorie) potentiell jeder Handlung erscheinen.

Diskursbeitrag und Handlung können niemals völlig verschmelzen. Stets sind sie in ihren Wirkungen wechselseitig überschießend. Handlung ist immer auch Sein und Bewegung im Raum, ist immer körperlich, selbst wenn sie nur im armchair-thinking, im Drücken auf eine Taste oder auf ein Gaspedal besteht. Sie entfaltet in dieser Körperlichkeit mechanische, physikalische, biologische, chemische, usw. Wirkungen, die unabhängig davon bestehen, ob sie von Bedeutung „eingeholt“ werden. Umgekehrt ist ein Diskursbeitrag nicht der raumzeitlichen Unmittelbarkeit des Aktes in Form einer bewußten oder unbewußten Artikulation verhaftet. Seine Wirkungen entstehen erst durch die bezugnehmenden Handlungen anderer Subjekte, durch seine Rezeption. Die im Akt liegende Bedeutungsstiftung ist immer nur potentiell, immer abhängig von nachfolgenden Akten des Gedeutet-Werdens. Diese nachfolgenden Deutungsakte können das durch den Akt in die Welt Gesetzte zu Deutende in Form von (wie auch immer „verzerrten“) Erinnerungen und/oder Materialisierungen (Bildern, Texten, Stoffen, Gebilden, usw.) in immer neuen diskursiven Konstellationen aufrufen und neuen Interpretationen zuführen. Insoferne reichen die potentiellen diskursiven Wirkungen eines Aktes möglicherweise weit in die Zukunft. Überdies entzieht sich die Deutung dem initialen Akt. Nur falls im Rahmen einer Kommunikation eine Rückspiegelung der vorgenommenen Deutung stattfindet, hat das setzende Subjekt die Möglichkeit, an der Annäherung der Bedeutungsgeflechte durch weitere Diskursbeiträge zu arbeiten. Ohne feedback kann das artikulierende Subjekt sich nur an die vermuteten sprachlichen Konventionen des Gegenüber halten, wenn es die Deutung mitbestimmen will.

Ebenso dialektisch verflochten und wechselseitig überschießend sind Diskurs und Struktur. Alles, was Wirkungen entfaltet (Struktur) ist potentiell auch mit Bedeutung versehbar und kann solchermaßen auch in einer diskursiven Dimension existieren. Bedeutung kann aber auch einem bis dato Nichtexistenten zugeschrieben werden, das durch solche Konstruktion in zumindest diskursive Existenz gesetzt wird und davon ausgehend eventuell auch in Materialisierungen einmündet. Materialisierungen (z.B. Gartenzäune) sind mit Bedeutung (z.B. Grundgrenze) geladen, deutbar und umdeutbar, jedoch nicht auf die Bedeutung, auf ein letztlich Virtuelles reduzierbar. Vielmehr entfaltet die Materialisierung z.B. eines Gartenzauns auch Wirkungen als verkörpertes aufgestelltes Hinderniss, das bei entsprechend martialischer Ausführung eventuell auch jenen eine Grenze zu setzen vermag, die den symbolischen Gehalt des Zauns alleine nicht respektieren würden. Dennoch ist eine harte Entgegensetzung von Materialisierungen und Diskursen nicht möglich. Diskurse sind selbst sozial manifest, da sie Wirkungen entfalten. Diese Wirkungen verbleiben nicht in einer Sphäre des Virtuellen, sondern greifen auch über in die Sphäre des Materialisierten, entfalten materielle Wirkungen. Die aus Diskursen resultierenden Materialisierungen werden je nach Deutung wiederum auch Teil der Diskurse, sind jedoch in ihren Wirkungen nicht auf diese reduzierbar. Materielle Struktur (z.B. Erdanziehungskraft) kann jahrhundertelang auf soziale Gegebenheiten wirken, auch ohne in Diskurse einbezogen zu sein. Mit der Einbeziehung in Diskurse erlangen materielle Gegebenheiten allerdings eine zusätzliche soziale Dimension. Sie kommen ins soziale Bewußtsein und werden gesellschaftlich behandelbar.

Diskurs ist also einerseits im Strukturellen, ein Vorfindbares, ein zur Verfügung stehendes Bedeutungskorpus, eingebettet in ein ebenso vorfindbares Set von Produktionsformen für weitere Bedeutungen (von Texten über Bauwerke bis hin zu Tonarten und Klangmustern, etc.). Diskurs ist aber andererseits auch Handlung, ein Gemachtes, das u.a. das Bedeutungskorpus (re)produziert und durch neue Kombinationen eventuell erweitert sowie möglicherweise auch durch bewußte oder unbewußte neuartige Weisen der Bedeutungsproduktion die Grenzen des diskursiven Habitus erweitert/verschiebt. Diskurs entsteht dementsprechend immer wieder neu aus den Handlungen im dialektischen interplay mit den vorfindbaren Strukturen, insbesondere auch mit den bestehenden Diskursen selbst. Diskursbeiträge umranken Struktur und damit auch vorgängige Diskurse.

Im Sinne kritischer Wissenschaft interessant ist nun die Frage, wie Diskurse Wirkungskraft entfalten. Wie werden Diskurse verbreitet? Wie kann in die Verhältnisse zwischen Diskursen und Subjekten gezielt eingegriffen werden? Wie wird aus einem diffusen Hintergrundrauschen des ozeangleichen historisch vorfindbaren Textfundus ein subjektiver Eindruck, der wiederum zu einem bestimmten Handeln führt? Anhand solcher ausgewählter Fragestellungen soll im Folgenden eine Verortung und damit in gewissem Ausmaß auch eine Entzauberung des Diskursbegriffes stattfinden.

Diskursproliferation

Wie kommen Diskurse dazu, immer weitere Kreise zu ziehen; genauer: in immer weitere soziale Zusammenhänge einzudringen? Die verschiedenen Sozialräume, in denen die Diskurse eindringen und weiterwuchern können, stehen zueinander in vielfachen Überlappungsverhältnissen. Diese mehr oder weniger partiellen Überlappungen existieren einerseits in Form von Drehpunktpersonen, die sich in verschiedenen sozialen Zusammenhängen, Gruppen, Szenen, „Welten“ bewegen und eventuell für die Proliferation der Diskurse zwischen diesen Zusammenhängen sorgen. Und diese Überlappungen existieren in den verschiedenen Formen von „Öffentlichkeit“. Diese zeichnen sich dadurch aus, daß bewußt oder unbewußt Bedeutungen in Richtung einer diffusen Allgemeinheit ausgesandt werden können, in einen sozialen Raum mit – in Bezug auf den zu proliferierenden Diskurs – nicht oder nur sehr lose präexistenten sozialen Beziehungen. Der öffentliche Raum entsteht durch allgemeine oder doch breite Zugänglichkeit. Je eingeschränkter der Zugang, desto stärker der Ausschluß der Öffentlichkeit. Je nach wechselseitigen Zugängen entstehen in verschiedenen sozialen Zusammenhängen verschiedene Teilöffentlichkeiten. Selbst weltweite Medien wie z.B. CNN oder MTV erreichen nur Teilöffentlichkeiten, haben allerdings nicht zuletzt wegen ihrer besonderen Reichweite auch eine Sonderstellung als Leitmedien. In dieser Position wirken sie indirekt in andere Teilöffentlichkeiten hinein, d.h. die von ihnen transportierten diskursiven Inhalte werden von anderen weitertransportiert. Die Teilöffentlichkeiten und die zwischen ihnen stattfindenden Diskursproliferationen sind zueinander relativ (nie vollständig) analog zu den hegemonialen Verhältnissen angeordnet; vom Zentrum bis zu den marginalisierten Subkulturen.

Die Qualität des (beidseitigen) Zugangs entscheidet über die Qualität der Öffentlichkeit. Z.B. kann ein öffentlicher Raum aufgrund von Nutzungsgemeinschaften durch größere Menschenmengen entstehen, die mehr oder weniger zufällig und bezuglos zusammentreffen (z.B. auf Straßen, Plätzen, Bahnhöfen). Genau diese Bezuglosigkeit und Diffusität machen das Durchdringen eines bestimmten Diskurses in solchen Räumen tendeziell schwierig. Hier wird der Versuch, bestimmte Botschaften „rüberzubringen“ zu einem trial and error-Spiel mit dem einzigen Vorteil, daß in kurzer Zeit viele trials möglich sind.

Schon selektiver punkto Zugang sind medial hergestellte Öffentlichkeiten. Hier liegt die initiale Zugangshürde darin, sich das Medium zu beschaffen bzw. es zu aktivieren; vom Zeitungskauf über das Einschalten des Fernsehers bis hin zur Anschaffung eines Internetzugangs. Ein weiteres Moment der Selektion liegt in der Prioritätensetzung im schon rein zeitlich nicht mehr verarbeitbaren Überangebot an verschiedenen Medien; vom Comic über die Wochenzeitung bis zur philosophischen Abhandlung. Erst nach diesen Selektionsentscheidungen können die medial bereitgehaltenen Diskurse Wirksamkeit entfalten, d.h. ihrerseits Zugänge und Einbruchstellen bei den RezipientInnen finden. Je nach Medium werden die Selektionsentscheidungen auch kollektiv getroffen (z.B. wenn die Familie „beschließt“, welche Sendung jetzt angeschaut wird), bzw. sind Selektionsentscheidungen vom sozialen Umfeld beeinflußt (Wer mitreden will, muß informiert sein). Insofern ist die durchgängig bewußte Medienselektion nicht selten mit sozialem Auseinandersetzungsaufwand verbunden, eventuell zusätzlich erschwert durch teilweise monopolartig strukturierte Informationsangebote.

Am anderen Ende des Spektrums der Zugänglichkeit befindet sich das „private“, nicht authentisch reproduzierbare Zweiergespräch. Es schließt Dritte aus, entfaltet also keine „Streuwirkung“, ermöglicht jedoch im Gegenzug eine hohe Intensität bei der Diskursproliferation. Durch Konzentration und Nachfragemöglichkeit kann die Zugänglichkeit des Gegenüber mit jedem neuen Wort gesucht werden. Die Erfolgschancen für eine Proliferation von Diskursen in einem solchen Setting sind dementsprechend hoch, selbst wenn vor dem Gespräch wenig Beziehung zwischen den Sprechenden gegeben war. Auf der Basis von geographisch systematischer Suche nach Zweier- oder Dreiergesprächen funktioniert z.B. die relativ erfolgreiche Verbreitung von kleineren, dem Missionsgedanken verpflichteten Religionsgemeinschaften (z.B. Zeugen Jehovas).

Bestimmte Medien eignen sich aufgrund des Rezeptionsverhaltens mehr oder weniger zur Proliferation bestimmter Diskurse. Internet, TV, Radio, Zeitschriften, Plakate, Graffitis, diverse Bild- und Tonträger, Plastiken, architektonische Werke, usw. sind in ihren vielschichtigen diskursiven Möglichkeiten nicht gleichwertig. Je nach Medium entwickeln sich dominante Erzählformen mit bestimmten Inszenierungen und Stilisierungen (z.B. „Action“, suspense, Dramatik), die oft dem Zeigen der Extreme und der schroffen Darstellung der Gegensätze basieren. Bestimmte Medien erschließen bestimmte Öffentlichkeiten, schließen gleichzeitig andere aus und ermöglichen verschiedene Intensitäten der Diskursproliferation im Verhältnis zu bestimmten Zielgruppen.

Höhere Intensität bei der Proliferation erreichen tendenziell Versammlungen, Kundgebungen, Demonstrationen und sonstige Veranstaltungen. Diese könnten als Öffentlichkeiten zweiter Ordnung bezeichnet werden, weil sie vorherige Mobilisierungsleistungen durch Drehpunktpersonen bzw. in diffuseren Öffentlichkeiten erster Ordnung voraussetzen, wodurch die Menschen schon mit einem bestimmten Interesse zusammengeführt werden. Die Öffentlichkeiten zweiter Ordnung müssen erst in den Öffentlichkeiten erster Ordnung geschaffen werden.

Hohe Intensität der Proliferation wird erreicht, wenn Diskurse möglichst „unverfälscht“ übernommen und von den Übernehmenden auch proaktiv weiterverbreitet werden. Diskurse werden in Form von Konzepten bzw. packages proliferiert. Diese Bedeutungsgeflechte sind oft angehängt an Schlagwörter, welche schneller als die dazugehörigen Konzepte Eingang und Aufnahme in die Wortschätze finden. Dementsprechend läuft die Diskursproliferation immer Gefahr, nur an der Oberfläche zu passieren, indem zwar die neuen Schlagworte, nicht aber die dazugehörigen Konzepte rezipiert werden. Dann wird Altes in neuer Hülle verkauft. Die Diskurse sind abgesehen von laufenden Veränderungen, Umdeutungen und Verflechtungen mit anderen Diskursen insbesondere beim Eindringen in neue Sozialräume dieser „Gefahr“ der bloß oberflächlichen Rezeption ausgesetzt. Oberflächlichkeit ist auch ein signifikantes Merkmal der meisten (insbesondere der nach „Aktualität“ strebenden) Medien, welche aufgrund ihrer Struktur Information reduzieren müssen, womit die auf die vollständige Proliferation der Konzepte, auf Erklärungsleistungen mit Nachfrage- und Feedbackmöglichkeit per Definition verzichtet wird.

Intensität der Proliferation neuer Diskurse wird auch dadurch gehemmt, daß Sozialräume meist institutionell präformiert sind. Institutionen zeichen sich durch hohe Stabilität aus. Die Verhaltensweisen der die Institutionen mit Leben erfüllenden Subjekte sind zu einem Großteil funktional ineinandergreifend. Entsprechend dieser Funktionalität sind auch die Positionen relational festgelegt. Die Rollenmuster, mit welchen die Subjekte die Positionen ausfüllen können, sind gesellschaftlich zumeist durch Tradition etabliert und normalisiert, sodaß sie von den Subjekten tendenziell unangefochten und von ihnen selbst unhinterfragt eingenommen werden können. Die Subjekte werden von Geburt an von einer für ihr Leben zentralen Institution an die nächste „weitergereicht“ (Familie, Schule, Beruf); sie gehen vom einen institutionell gekennzeichneten „Lebensabschnitt“ in den nächsten und verbringen die meiste Lebenszeit in institutionellen Zusammenhängen. Diese institutionellen Zusammenhänge greifen ihrerseits ineinander und bilden Systeme der wechselweisen Determinierung (Familie als Keimzelle des Staates; Staat als Garant der Familie; usw.). Durch materielle, organisatorische und ideologische Substrate gefestigt und zu Apparaten verdichtet, können Institutionen sogar schwere soziale Krisen und weit klaffende Widersprüche überdauern bzw. ihr „Überleben“ durch bloß graduelle Adaptationen sichern, die ihre Kernfunktionalität unter veränderten Bedingungen wiederherstellen.

Diskurse, die an die institutionalisierten Sozialräume herangetragen werden, finden ihre Grenze in der Funktionalität der Institutionen. Solange diese Funktionalität nicht tangiert wird, können die Diskurse auch in stark institutionell geprägte Räume eindringen. Diskursive Veränderungen sind diesfalls wie Veränderungen in der Mode für die Veränderungen im sozialen Gefüge von vernachlässigbarer Relevanz. Sobald Diskurse jedoch mit der Funktionalität der Institution in offensichtlichem Widerspruch geraten, werden sie auf Abwehrhaltungen von Ignorieren bis Unterdrücken stoßen und sind dementsprechend in ihrer verändernden Wirkung gehemmt. Stärker veränderungsträchtig in Bezug auf Institutionen sind insbesondere jene Diskurse, die historisch betrachtet zunächst systemkompatibel erscheinen und sich erfolgreich im Gefüge der Institutionen einnisten können, eventuell selbst neue Institutionalisierungen maßgeblich bewirken, bevor sich aus ihnen gravierende Widersprüche zur Funktionalität verkoppelter Institutionen ergeben. So wurden Menschenrechtskataloge in der Zeit des Kalten Krieges unter den Vorzeichen der Systemkonkurrenz in den westlichen Staaten zwar nur in systemadäquat adaptierter Form in Verfassungsrang gehoben. Trotzdem waren und sind die Konsequenzen dieser Ausstattung bestimmter Menschenrechte mit Rechtsverbindlichkeit für die übrige Rechtsordnung samt ihrer organisatorischen Gefüge sehr gravierend. Wären diese Konsequenzen absehbar gewesen, wäre es in Österreich (zumindest laut Aussage von Prof. Ermacora) nicht zur Einführung der europäischen Menschenrechtskonvention in der bestehenden Form gekommen.

Demagogie und Propaganda: Publikumsnähe und Unüberhörbarkeit

Diskurse werden eventuell aus politischen Motiven an ein Publikum herangetragen. Das Hören der Angerufenen kann graduell passive bis aktive Formen annehmen. Einerseits sind die Subjekte von Diskursen umwogt und deren Rauschen ausgeliefert. Andererseits können die Subjekte aber auch konzentriert hinhören und Anrufungen aufgreifen. Dementsprechend läßt sich auch die Wirkungskraft eines Diskurses in zweierlei Richtungen verorten: Einerseits besteht die Möglichkeit, daß ein bestimmter Diskurs so an Dominanz gegenüber anderen Diskursen gewinnt, daß er graduell aus dem Stadium des bloßen Rauschens in Richtung Unüberhörbarkeit heraustritt und damit tendenziell differenziert feststellbare Wirkungen bei den ausgelieferten Subjekten entfaltet. Diesfalls werden die Subjekte in verschiedensten sozialen Situationen immer wieder mit einem bestimmten Diskurs konfrontiert und können seiner Dominanz nur proaktives Weghören oder ständiges konfrontatives Abschneiden des Diskurses entgegensetzen (nach dem Motto: Hör auf damit; will ich gar nicht hören; laß mich damit in Ruhe; nicht du auch noch).

Andererseits besteht die Möglichkeit, daß ein bestimmter Diskurs in einer dem Publikum nahegekommenen Sprechposition Verstärkung findet und sodann aktiv aufgegriffen wird. Diesfalls suchen die Subjekte „von sich aus“ nach bestimmten diskursiven Inhalten, sie lesen und recherchieren, sie schließen sich zu Diskussionsrunden und Arbeitskreisen zusammen, usw.

Ein ungewöhnliches Beispiel für die Bearbeitung dieser Wechselbeziehung von Diskursen, Sprechposition und Publikum liefert uns das „Handbuch des Demagogen“ von Raoul Frary aus dem Frankreich des vorigen Jahrhunderts: Die Anrufung der Subjekte in Rede und Schrift wird vor dem Hintergrund bestimmter politischer Traditionen (Diskurse) und Verhältnisse (Institutionen) beschrieben. Frary stellt in diesem Rahmen die Dreiecksbeziehung zwischen Diskursen, Publikum und dem jungen Mann dar, dem er im Briefstil die Kunst der Demagogie näherbringt. Der gesamte zweite von insgesamt vier Abschnitten ist Überlegungen zur Positionierung des Demagogen gegenüber seinem Publikum unter dem Titel „Die Kunst zu gefallen“ gewidmet.

FRARYs Gedanken zur notwendigen Ergebenheit seines Demagogen in den Augen des Publikums, zum Lob, das dem Publikum zu spenden ist, zur Hoffnung, die zu entfachen ist, sowie zu den bösen Leidenschaften, Hass und Neid lassen sich wie folgt zusammenfassen: Die Anrufung der Subjekte vermittels bestimmter diskursiver Inhalte ist nicht unabhängig von der Sprechposition des anrufenden Subjekts im Verhältnis zum angerufenen Publikum. Nicht jedes sprechende Subjekt wird gleichermaßen gehört. Vielmehr muß der Boden für die erfolgreiche gezielte Anrufung bereitet werden. Erst durch die Aktivierung der Ohren rückt das demagogische Subjekt in eine hörbare und zunehmend erfolgversprechende Sprechposition. Das Wesen der Demagogie liegt solchermaßen in der Bestärkung des Publikums in seinen bestehenden Meinungen, wobei sich das demagogische Subjekt opportunistisch jene diskursiven Inhalte suchen und in den Anrufungen hervorheben muß, die dem Publikum schmeicheln.

Hierin liegt der wesentliche Unterschied zwischen Demagogie und Propaganda: Die Demagogie dient (idealtypischerweise) dem Machtzugewinn des demagogischen Subjekts durch Anhäufung einer AnhängerInnenschaft und ist prinzipiell unabhängig von den (opportunistisch wählbaren) Inhalten. Die Propaganda hingegen will durch die Verbreitung bestimmter diskursiver Inhalte ihr Publikum in eine bestimmte Richtung manipulieren. Dieser Unterschied zwischen Propaganda und Demagogie verschwimmt jedoch im Prozeß der diskursiven Anrufung: Effektive Propaganda kann ebensowenig auf die immer auch mit den Mitteln der Demagogie zu gewinnende, Gehör findende Sprechposition verzichten, wie umgekehrt Demagogie ab dem Zeitpunkt der zwar opportunistischen aber doch auch inhaltlichen Positionierung eben nicht mehr ganz unabhängig von bestimmten diskursiven Inhalten funktionieren kann und somit in Propaganda übergeht. Weiters kann Propaganda betrieben werden, um das Publikum auf demagogische Anrufungen vorzubereiten und umgekehrt. Tatsächlich begegnen wir daher stets einem Amalgam von Demagogie und Propaganda, vom Streben nach Publikumsnähe und dem Streben nach Unüberhörbarkeit.

Damit soll nicht gesagt sein, daß hörbare Sprechpositionen nur demagogisch zu gewinnen seien. In den institutionellen Gegebenheiten sind auch Sprechpositionen angelegt, die aufgrund der allgemeinen Legitimitätszuschreibung den FunktionsträgerInnen die Möglichkeit bieten, für ihre Aussagen Gehör zu finden. Typischerweise sind z.B. Regierungsmitglieder weniger auf demagogische Formen angewiesen als OppositionsführerInnen.

Verfolgen wir das Thema der Unüberhörbarkeit weiter: Damit ist impliziert, daß Diskurse um das Gehör des Publikums konkurrieren und in einem gegenseitigen Verdrängungswettbewerb stehen. Diskurse erlangen Dominanz, insoferne sie die wesentlichen Verstärkungspositionen in einem bestimmten sozialen Raum einnehmen können. Es wäre verkürzt, diese Verstärkungspositionen auf „gesellschaftlicher Ebene“ nur mit „den Massenmedien“ gleichzusetzen. Die sozialen Räume, in denen Diskurse wirksam werden, sind nicht horizontal in Ebenen gliederbar. Vielmehr erfordert die Suche nach der Wirksamkeit von Diskursen stets die Betrachtung der unmittelbaren sozialen Zusammenhänge, in die das Subjekt eingebunden ist, wo Diskurse wahrnehmbar sind. Wahrnehmbarkeit und Wahrnehmung von Diskursen sind Voraussetzung für ihre Wirksamkeit. Auch wenn die Wahrnehmbarkeit im Sinne massenmedialer Verbreitung bezüglich bestimmter Diskurse nicht gegeben ist, kann doch die Wahrnehmung einzelner Diskurse im Sinne proaktiver Mundpropaganda zu einer größeren Verbreitung ebendieser führen. Anders wären die Spitzenverkaufszahlen für bestimmte Musikproduktionen (z.B. bestimmter „radikaler“ Ausprägungen des death metal) weit über die Kreise einer entsprechenden Subkultur hinaus bzw. die schnelle Ausdehnung von subkulturellen Versatzstücken trotz zensurmäßiger Nichterwähnung von sogut wie allen Radiosendern und anderer einschlägiger Medien wie z.B. MTV nicht zu erklären. Es ist zu vermuten, daß Mundpropaganda insbesondere dann gut funktioniert, wenn die verbreiteten Inhalte bestimmte psychische oder soziopsychische Funktionen erfüllen, die den Boden für die Anrufungen fruchtbar machen.

Ob für die Verbreitung bestimmter diskursiver Inhalte eher die massenmediale oder die persönliche Vermittlung oder eine Kombination aus beiden ausschlaggebend sein kann, muß jeweils aus dem Zusammenspiel der Inhalte mit ihren Vermittlungsformen und dem Verhältnis von angerufenem Subjekt zu den vermittelnden Subjekten/Entitäten/Instanzen beurteilt werden. Stets stellt sich die Frage: Gegenüber wem erlangen welche Diskurse eine dominante Position? Stets haben wir es mit bestimmten Subjekten in Ketten von einzelnen konkreten diskursiven Situationen zu tun. In diesen diskursiven Situationen wirkt v.a. die Stimme der jeweiligen opinion leaders im sozialen Umfeld. Der engere Kreis umfaßt üblicherweise Freunde/Freundinnen und Bekannte ebenso wie bestimmte Vorgesetzte, PolitikerInnen, WissenschaftlerInnen, „ExpertInnen“, religiöse Instanzen, bestimmte Zeitungen und Nachrichtensendungen. Erst wenn die Stimmen des je nach Thema begrenzten und tendenziell kleinen Kreises der für ein Subjekt maßgeblichen, d.h. mit sozialer Anerkennung ausgestatteten, Persönlichkeiten und Medien einigermaßen übereinstimmen, kann ein Diskurs eindeutig und damit dominant werden. Wenn dem nicht so ist, wenn ein Streit zwischen den selbstgewählten Autoritäten herrscht, wird das Subjekt tendenziell in Unsicherheit verharren, da es sich nur gegen eine von ihm selbst anerkannte Autorität, d.h. gegen die eigene Anerkennung, zu einer Eindeutigkeit durchringen kann. Der Widerspruch im Äußeren zwischen den Autoritäten (nach dem schulterzuckenden Motto: „Ich weiß nicht, manche sagen dies, manche sagen das!“) ist leichter zu ertragen, als der Widerspruch im Inneren mit den eigenen Zuschreibungen von Anerkennung. Das Resultat ist mehr als Handlungsunfähigkeit: Es ist latentes Unbehagen, das die Subjekte auf entsprechende Anrufungen mit Widerwillen reagieren läßt. Aus der empfundenen Ohnmacht im Zwischenraum der Widersprüche resultiert ein fast aggressives Desinteresse nach dem Motto: „Das will ich gar nicht hören!“

Die Verengung des Kreises der Autoritäten im Sinne einer Hörigkeit gegenüber einer einzigen Instanz bzw. der überwältigenden Autorität einer Instanz unter mehreren kann durch persönliche Umstände und Gewaltverhältnisse begünstigt werden, kommt aber auch dem Subjekt beim Streben nach Eindeutigkeit entgegen. Eine solche Verengung ist markantes Kennzeichen von totalitären Regimen sowie Hierarchien, die auch in einer prinzipiell pluralistischen Ordnung stabil existieren können. Die Erweiterung des Kreises der Autoritäten, die Möglichkeit der diskursiven Auseinandersetzung und des offenen Widerspruchs, die Flachheit der Autoritätsverhältnisse sowie die erworbene Kompetenz und Bereitschaft der Subjekte, selbst Widersprüche in sich und in Auseinandersetzung mit der Umwelt aufzulösen und dabei nicht zuletzt bestimmte selbstgesetzte Autoritäten in Frage zu stellen, kennzeichnet hingegen den Pluralismus.

Offen debattierende und streitende Eltern setzen in diesem Sinne pluralistischere Impulse als „Erziehungsberechtigte“, die gegenüber ihren Kindern immer den Schein der Einhelligkeit wahren, sei ihre Autorität auch noch so sanft oder demonstrativ antiautoritär (bzw. umgekehrt noch antipluralistischer in Form einer klaren Hierarchie zwischen den Bezugspersonen). Das Erlernen der Verhandlungskompetenz vollzieht sich aber nicht nur am Vorbild, sondern v.a. auch in der Interaktion zwischen Vorbildern und den Lernenden selbst. Die Autoritäten müssen sich selbst in Frage stellen und angreifen lassen, sich auf die Auseinandersetzung einlassen und an der Lösung mitwirken, anstatt nur das Infragestellen von anderen Autoritäten zu predigen. Indem „Erziehungsberechtigungen“ gesetzlich alloziert und junge Menschen auch politisch größtenteils entmündigt werden, sind die Rahmenbedingungen für faire Verhandlungen denkbar ungünstig. Umsomehr kommt den Autoritäten die Aufgabe zu, auch diesen ungleichberechtigenden Hintergrund beim Streben nach fairen Verhandlungen mitzubedenken.

Für eine pluralistische Gesellschaft bzw. für eine pluralistische Teil- oder Subkultur ist daher festzuhalten, daß einzelne Diskurse, selbst wenn sie massenmedial verbreitet werden, ohne Aufarbeitung im sozialen Umfeld (z.B. am zuweilen exemplarisch beschworenen Stammtisch, in der Familie, im Freundeskreis, in der Firma, usw.) keine Dominanz erlangen können. Erst durch die soziale Verarbeitung werden sie in Relevanz gesetzt; ohne solche Verarbeitung (samt eventuell einhergehender Einigkeit der Autoritäten) bleiben die Diskurse Teil des großen Rauschens, das zwar seinerseits verschiedene Intensitätsgrade annehmen, jedoch nicht im Sinne eines einigermaßen eindeutigen und mithin nachvollziehbaren Wirkungsstrangs differenzierbar wird, der sich in bestimmten Handlungen äußert. Die Wirkungskraft von Diskursen, die im Subjekt wie in einem Binnendelta versickern, diffundieren in verschiedenste Richtungen einer der Nachvollziehbarkeit nicht mehr zugänglichen Komplexität. Eventuell tauchen Versatzstücke an anderer Stelle wieder in den Handlungen des Subjekts auf. Durch die Diffusion geht jedoch das, was wir als Wirkungskraft festzumachen suchen, das potentiell sozial Mitreissende, das ein Diskurs entfalten kann, verloren. Das Subjekt wird gleichsam zur Sackgasse eines Diskurses, wenn es zu keinen zumindest mittelbar anknüpfenden Anschlußoperationen in seinem sozialen Feld kommt.

Paukenschlag und Emotionalisierung

Für die Unüberhörbarkeit eines Diskurses ist aber auch dessen inhaltliche Schärfe von entscheidender Bedeutung. Diese steht und fällt mit der Vermittlung einer Leitdifferenz, einer zentralen Dichotomie. Gleich einem Knall und einer unmittelbar anschließenden Stille ist ein Heraustreten aus dem Rauschen möglich. So rät Frary seinem Demagogen:

„Welche Behauptung Sie auch immer aufstellen mögen, vergessen Sie nie, daß zur Erregung des sozialen Neides nichts so ersprießlich ist, als die schroffen Gegensätze und die scharfen Widersprüche. Der Gegensatz muss die Seele Ihrer Beredtsamkeit sein. Stellen Sie, ohne Berücksichtigung eines Mittelgliedes, die beiden Extreme, den Reichtum und das Elend neben einander. Kein Mittelding zwischen dem Palast und der Dachkammer, zwischen den Trüffeln und dem Schwarzbrod.“ (FRARY 1884, 161)

Das Motiv der Dichotomisierung finden wir auch an zentraler Stelle bei Peter ZIMA, der das Verhältnis von Ideologie und Theorie dialektisch entwickelt. Bei ZIMA hängt Ideologie nicht an bestimmten Inhalten sondern an der Darstellung von Inhalten im Rahmen von diskursiven Verfahren. Verschiedene „sprachliche Tricks“ sind dazu angetan, das Denken in bestimmte Bahnen zu lenken und kritische Reflexion zu verhindern. Diese Verfahren der Naturalisierung und der Postulierung der Allgemeingültigkeit der eigenen Position, der Verwischung aller Spuren des Aussagevorgangs, der Disqualifizierung der GegnerInnen (ZIMA 1989, 255) gruppieren sich rund um die Dichotomisierung:

„Die Ideologie ist ein diskursives, mit einem bestimmten Soziolekt identifizierbares Partialsystem, das von der semantischen Dichotomie und den ihr entsprechenden narrativen Verfahren (Held/Widersacher) beherrscht wird und dessen Aussagesubjekt entweder nicht bereit oder nicht in der Lage ist, seine semantischen und syntaktischen Verfahren zu reflektieren und zum Gegenstand eines offenen Dialogs zu machen. Statt dessen stellt es seinen Diskurs und seinen Soziolekt als die einzig möglichen (wahren, natürlichen) dar und identifiziert sie mit der Gesamtheit seiner wirklichen und potentiellen Referenten.“ (ZIMA 1989, 256)

In der Ausführung der Dichotomien kommt es zur Bildung von zwei Konnotationsketten. Die Anhäufung von Synonymen und fast-synonymen Termini zur Darstellung ein und desselben Inhalts dient einerseits zur bestärkenden Wiederholung und sprachlichen Verdichtung (vgl. ZIMA 1989, 274ff) und ermöglicht andererseits die langsame Eingliederung von neuen Begriffen in die Konnotationskette, damit also deren Erweiterung und Verschiebung.

Solche Verschiebungen in den dichotomen Konnotationsketten lassen sich historisch z.B. in rassistischen Diskursen nachvollziehen: In den 60er und 70er Jahren, als es in Österreich eine erste Generation von ImmigrantInnen gab, die als angeworbene GastarbeiterInnen auf der untersten sozialen Stufe Platz fanden, war der dominante rassistische Diskurs durch Verknüpfungen des ‚Tschuschen‘ mit Faulheit und Dummheit geprägt. Signifikant für den Diskurs dieser Periode ist eine Sequenz aus der Fernsehserie ‚Ein echter Wiener geht nicht unter‘, in der Karl Merkatz alias Mundl Sackbauer den typischen Gastarbeiter als desinteressiert an der Mauer lehnendes „Stangl“ darstellt.

Der rassistische Diskurs der 90er stellt sich anders dar: Die pejorative Konnotationskette enthält v.a. Bedrohungsbilder: Kriminalität, Fundamentalismus, Illegalität und Überflutung sind die zentralen Motive geworden. Sogar der Sozialschmarotzerdiskurs bekommt in seiner aktuellen rassistischen Spielart noch eine bedrohliche Note: Die ‚Ausländer‘ sind zu wahren AusbeuterInnen geworden, die mit ihren kinderreichen Familien von ‚unserem‘ Steuergeld leben. Im Kontext einer gesellschaftlichen Sprechlage, die durch die demagogisch-propagandistische Positionierung der (derzeit noch) drittstärksten politischen Partei, durch den Wegfall des eisernen Vorhangs, durch kurzfristige stärkere Immigrationsschübe in den 90ern und durch schrittweise Verschärfung der Fremdengesetze immer neue Dramatisierungsmomente bereithält, konnte dieser rassistische Diskurs eine Dominanz entwickeln, die seinem Vorläufer in den 70ern beiweitem nicht zugekommen ist. Seine Wirkungskraft hat wohl das Stadium der Unüberhörbarkeit erreicht.

Signifikant ist die gesteigerte Emotionalisierung der rezenteren rassistischen Diskurse durch den Fokus auf das Bedrohungsmotiv. Diese gesteigerte Emotionalisierung bewirkt eine weitere diskursive Verdichtung zusätzlich zur Dichotomisierung:

„Alle stärkeren Stimmungen bringen ein Miterklingen verwandter Empfindungen mit sich: sie wühlen gleichsam das Gedächtnis auf. Es erinnert sich bei ihnen etwas in uns und wird sich ähnlicher Zustände und deren Herkunft bewußt. So bilden sich gewöhnlich rasche Verbindungen von Gefühlen und Gedanken, welche zuletzt, wenn sie blitzschnell hintereinander erfolgen, nicht einmal mehr als Komplexe, sondern als Einheiten empfunden werden. In diesem Sinne redet man von moralischen Gefühlen oder religiösen Gefühlen, wie als ob dies lauter Einheiten seien: In Wahrheit sind sie Ströme aus 100 Quellen und Zuflüssen. Auch hier, wie so oft, bewirkt die Einheit des Wortes nichts für die Einheit der Sache.“ (Friedrich NIETZSCHE, zitiert nach NEGT/KLUGE 1993, 299)

Die Verschmelzung von Komplexen zu Einheiten macht das Eindringen in hochemotionalisierte Diskurse mit widerspruchspostulierenden Gegenargumenten noch zusätzlich schwierig. ZIMA spricht in diesem Zusammenhang von hermetischen Diskursen (1989, 277). Diese Diskurse produzieren ihre Wahrheit, indem sie Widersprüche gar nicht erst zulassen, d.h. ihnen gegenüber taub sind.

Eine effektives Eindringen und ansatzweises Auflösen solcher hermetischer Diskurse ist fast nur von einer exzellenten, mit Autorität ausgestatteten Sprechposition ’nahe am Ohr‘ des in den hermetischen Diskurs verstrickten Subjekts überhaupt möglich. Dazu läuft der Versuch einer Gegenanrufung noch ständig Gefahr, die gute Sprechposition im Verhältnis zum angerufenen Subjekt zu verlieren, von diesem weggestoßen zu werden.

Hermetische Diskurse und ideologische Schließungen stellen insofern ein Problem dar, als sie soziale Gräben, Gegensätze und Ungleichheiten befestigen und verstärken. Bei entsprechender Systematizität und Undurchlässigkeit der Grenzziehungen zwischen größeren gesellschaftlichen Gruppen tragen sie zur Erzeugung von sozialen Spannungen bei, die Gewalt als Entladungsform tendenziell begünstigen (individuelle aus Frustration oder kollektive aus Hass). Das Spektrum reicht von Briefbomben bis zu Pogromen und Kriegen.

Demokratische Diskurskultur und rassistische Verwerfung der Sprechakte

Wenn ein wesentliches Merkmal von Demokratie in der Verhandelbarkeit von Interessen besteht, muß eine demokratische Diskurskultur an präventiven Mechanismen gegen die Abschließung bestimmter (hegemonialer ebenso wie marginalisierter) Gruppen in hermetischen, keine Verhandlung mehr zulassenden Diskursen interessiert sein. Dementsprechend folgen diskursbezogene Überlegungen, wie die Durchlässigkeit sozialer und individueller Grenzen förderbar, Ungleichheiten ausgleichbar und Gräben in Richtung Verhandlungsbereitschaft überbrückbar sein könnten. Kurz gesagt, soll es um die zentrale Bedeutung von Diskurs für die Verwirklichung von Demokratie und Gleichheit gehen.

Für NEGT/KLUGE (1992, 290) bedeutet Demokratie gemeinschaftliche Willensbildung ohne Ausgrenzung, gestützt auf die allmähliche Verfertigung von Ausdrucks- und Unterscheidungsvermögen zur Entwicklung eines reicheren Wahrnehmungsvermögens, das die Grundlage der Willensbildung bildet. Dieser Demokratiebegriff bezeichnet mithin eine Utopie und nicht das real existierende geringste Übel aller Herrschaftsformen, meint nicht die Diktatur einer hegemonial arrangierten Mehrheit, nicht das Niederstimmen von Minderheiten, sondern legt das Schwergewicht auf den Prozeß der Auseinandersetzung und dem gemeinsamen Streben nach einer für alle möglichst lebenswerten Welt. Das Medium dieser Auseinandersetzung ist der Diskurs.

Das Auseinanderklaffen von realer Demokratie und demokratischer Utopie ist im österreichischen politischen System z.B. am systematischen Ausschluß von ‚AusländerInnen‘ von der politischen Mitsprache gekennzeichnet, die im Vergleich mit anderen real existierenden politischen Systemen ‚westlicher‘ Prägung ihresgleichen sucht. (Vgl. DAUM 1998, 2) Die ‚blutsbezogene‘ Gestaltung des Staatsbürgerschaftsrechts und das Nichtvorhandensein von an den Lebensmittelpunkt gekoppelten Wahlrechten schaffen eine soziale Schicht, die in der Position der gesellschaftlichen Sprachlosigkeit gehalten wird. Diese Vorenthaltung der politischen Beteiligungsmöglichkeiten stellt eine der wesentlichsten Komponenten des Rassismus im Österreich des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts dar.

Eine demokratische Diskurskultur würde voraussetzen, daß auch die aktuell Benachteiligten und Ausgeschlossenen an Verhandlungen über das Gemeinsame gleichberechtigt teilnehmen. Von einer solchen Teilnahme der rassistisch Benachteiligten in Österreich kann jedoch nicht die Rede sein, zumal sie durchwegs nicht einmal Gehör finden. Zu konstatieren ist eine grenzsystematischen Verwerfung der Sprechakte der rassistisch Benachteiligten, die sich in mehreren Stufen vollzieht: Grundsätzlich werden die Sprechakte der rassistisch Benachteiligten, die über bestimmte ihnen zugewiesene Rollen als Putzfrauen und HausmeisterInnen hinausgehen, als unverständlich fremd bzw. als kindlich unreif abgetan. (Die zweite Generation ist noch „jung“, sodaß auch ihr Sprechen, obwohl es offenbar die hegemoniale Sprache beherrscht, nach demselben Schema abgetan werden kann, wie jenes der mit Sprachschwierigkeiten belasteten ersten Generation). Aufgrund dieser Verwerfung bleibt die Einbindung in den Diskurs stecken. Als Reaktion auf den ‚fremden‘ Sprechakt erfolgt in der Mehrzahl der Fälle bestenfalls ein freundliches „Jaja“ samt Verständnis vorspiegelndem Gesicht. Es erfolgen jedoch keine Anschlußoperationen, keine Rückfragen, kein Eingehen auf ein gleichberechtigtes Subjekt, kein Austausch, keine gleichberechtigte Auseinandersetzung. Diese Stufe der Verwerfung könnte mit der Wendung: Red´ du nur! gekennzeichnet werden. Symptomatisch für die Ungleichheit der Sprechpositionen ist auch das Ansprechen der rassistisch Benachteilgten in Infinitiven und mit erhobener Stimme.

Der erste Schritt zur Überwindung dieser Verwerfung der eigenen Sprechakte besteht für die rassistisch Benachteiligten im Beharren, im Nachfragen, im Herausfordern, in der Umkehrung der Verständnislosigkeit, in der Thematisierung der Nichtreaktion, in der Entlarvung des vorgespiegelten Verständnisses. Sobald sich die nicht benachteiligten SprecherInnen in Argumentationsnotstand versetzt sehen, kommt der Punkt, an dem eine zweite Verwerfung – diesmal schon bewußter – stattfinden kann: Die fremde Rede wird als anmaßend, nicht hierher gehörig, als Frechheit (oder in der Abart des Rassismus der ‚HelferInnen‘ als Undankbarkeit) verworfen. Auf die Herausforderung wird mit Empörung reagiert statt mit Diskussion. Kennzeichnende Redewendung für diese Verwerfungsstufe wäre: Geh red net deppert! bzw.: Gusch, du hast hier gar nix zu melden! (Das ‚Du‘ gegenüber den rassistisch Benachteiligten ist selbstverständlich).

Mit der Herausforderung begiebt sich das benachteiligte Subjekt auf einen diskursiven Grenzgang. Judith BUTLER bezeichnet das Sprechen an den Grenzen des Sagbaren als Risiko, d.h. als Gefahr und Chance. Die Chance auf Erweiterung des Bereichs des Sagbaren geht mit der Gefahr der Verbannung in den Bereich des Unsagbaren einher (BUTLER 1998, 197). Für sich allein genommen, könnte diese Aussage zu dem Gedanken verleiten, daß mithin Subjekte in marginalisierten Sprechpositionen eigentlich nur gewinnen können. Da sie sich schon in der diskursiven Verbannung befinden, bliebe ihnen jedenfalls und gefahrlos die Chance auf Erweiterung des Sagbaren. Dem ist jedoch nicht so. Den renitent Sprechenden drohen vielmehr abseits des Diskurses auch manifeste soziale und ökonomische Sanktionen. Hier begegnen wir der dritten Stufe der Verwerfung, die mit einer Drohung einhergeht: Nicht aufmucken, sonst kannst´ dich gleich schleichen! (aus der Wohnung, vom Arbeitsplatz oder aus dem Land). Dieser dritten Stufe der Verwerfung kann dann noch die vierte Stufe der tatsächlichen körperlichen Verdrängung aus dem sozialen Raum uU mittels Einsatz des Gewaltapparates folgen (nach dem Motto: Aufmucken, Blut spucken).

Analog zur demagogischen Sprechposition bleibt den rassistisch Benachteilgten eine Sprechposition, die den sozial Höherstehenden schmeichelt, nämlich die Rede der unterwürfig-tüchtigen Putzfrauen und HausmeisterInnen, Lehrlinge und ArbeiterInnen, in der sie gehört werden und auch schulterklopfende soziale Anerkennung erfahren können. Parallel dazu wird in Bezug auf die überwiegende Mehrheit der übrigen sozialen Zusammenhänge die Abschottung der rassistisch Benachteiligten produziert. Bei der ersten ImmigrantInnengeneration erfolgt der Rückzug in die aufgrund der Sprachbarrieren nach Herkunftsländern getrennten Subkulturen mit deren für die hegemonialen Sinne nur in aller Oberflächlichkeit wahrnehmbaren Besonderheiten (z.B. Kopftücher). Die daneben neu entstehenden sozialen Rückzugsgebiete der Jugendlichen der zweiten und dritten Generation unterscheiden sich von den teilweise ghettoartigen sozialen Zusammenhängen ihrer Eltern v.a. durch ihre internationale Vermischtheit mit Deutsch oder Englisch als möglicher gemeinsamer Sprache neben anderen und dem dadurch ermöglichten Zugang für nicht rassistisch benachteiligte Jugendliche.

Zur Entwicklung einer demokratischen Diskurskultur ist an Möglichkeiten der Durchbrechung dieser Verwerfungsakte zu arbeiten. Mit diesem Anliegen befinden wir uns in einer aktuell nicht mehrheitsfähigen Position. Zwar ist die Entrüstung über Rassismus ein mehrheitsfähiges und mit seinen Appellen an die moralische Überlegenheit auch demagogisch nutzbares Programm. Die Mehrheitsfähigkeit endet jedoch, sobald der Antirassismus ein proaktiver wird, der Gleichheit auf verschiedensten Ebenen fordert und damit auch an den Interessen und Privilegien der symbolischen AntirassistInnen rührt. Ebenso wie die Entwicklung einer nach politischer Mitbestimmung strebenden Sprechposition der rassistisch Benachteiligten ist ein solcher proaktiver Antirassismus in Österreich vor der Jahrtausendwende noch ein absolutes Minderheitenprogramm. Damit geht einher, daß die entsprechenden Diskurse noch schwach entwickelt sind. Derzeit kann nicht einmal davon gesprochen werden, daß diese Diskurse eine Verankerung in einer als solcher existierenden antirassistischen Subkultur hätten. Vielmehr sind die antirassistischen Diskurse mosaikhaft über verschiedene Subkulturen verstreut. NGOs, autonome Szene, fortschrittliche/linke Studierende und Organisationen der MigrantInnen und der zweiten Generation sowie Partei(vorfeld)organisationen stehen in Österreich erst am Beginn der Entwicklung einer gemeinsamen Sprache.

Der Interdiskurs des deutschsprachigen Teils dieser Szenen erfolgt über die fortschrittlicheren Mainstreammedien (Falter, Standard, Profil), die jedoch wegen ihrer mehr oder weniger ausgeprägten Einbindung in das hegemoniale Arrangement für die Artikulation der Subkulturen nicht den optimalen Boden bereitstellen können. Ein subkulturübergreifender Diskurs mit den rassistisch Benachteiligten der ersten ImmigrantInnengeneration existiert hingegen vergleichsweise gar nicht.

Diese noch nicht geschaffte Überwindung einer wesentlichen rassistischen Spaltung stellt in der gegenwärtigen Situation das größte Hindernis für die Entwicklung einer allgemein vernehmbaren antirassistischen Sprechposition im politischen Interdiskurs dar. Die alleinige Einnahme der antirassistischen Position durch die deutschsprachigen Gruppen bleibt im Widerspruch des Sprechens für andere stecken und ist dementsprechend anfällig für den Vorwurf des Gutmenschentums. Derzeit gibt es eine kleine Anzahl von Drehpunktpersonen, die sich in mehreren antirassistischen Subkulturen bewegen und auch schon an der Überwindung der rassistischen Spaltung des Antirassismus arbeiten. Mit dem Erwachsenwerden der zweiten Generation wird der Prozeß der Übernahme der antirassistischen Sprechposition durch die rassistisch Benachteiligten bereits in naher Zukunft Verstärkung finden. (Diese Aussagen sind vorläufige Ergebnisse des Forschungsprojekts ‚Strategische Potentiale gegen Fremdenfeindlichkeit‘ von Hans Pühretmayer und meiner Wenigkeit).

Mit der Herausbildung eines nicht in Spaltungen und Widersprüchen verstrickten Subjekts des Antirassismus wird auch die konsequente Arbeit am Aufbau einer Diskursposition für dieses Subjekt möglich. Im Rahmen des gesellschaftlichen Ganzen als Diskurslage mit verschiedenen relational verflochtenen Diskurspositionen befindet sich Antirassismus aber auch mit einem sozial tragfähigen Subjekt in einer marginalisierten Position. Seine Anliegen sind dem hegemonialen Arrangement in vielfacher Weise entgegengesetzt. Zwar existieren in manchen hegemonial verankerten Wertvorstellungen gewisse Einbruchstellen in das hegemoniale Arrangement. Im Gegensatz zu anderen Staaten Westeuropas findet Antirassismus in Österreich jedoch keine politischen Einfallstore vor; etwa in Form starker unterstützender Gewerkschaften oder staatstragender Parteien, die mit NGOs in dauerhafter Allianz stehen (wie etwa die französischen SozialdemokratInnen mit SOS racisme).

Konfrontation und Hörbarkeit (FN 2)

Gesellschaftliche Veränderung setzt immer Auseinandersetzung voraus; entweder im schlichten Sinne von (nicht unbedingt bewußter oder freiwilliger) Beschäftigung mit etwas, oder im Sinne von Konfrontation und Streit. Das Zur-Auseinandersetzung-Bringen, das Eindringen in das Feld der Auseinandersetzung stellt dabei ein besonderes Problem dar. Diskurse sind je nach den Machtverhältnissen und Interessenlagen, in die sie eingebettet sind, mit mehr oder weniger Ignorierbarkeit behaftet. Eigene Macht vermindert Ignorierbarkeit durch andere. Gesellschaftlich ohnmächtigere, marginaliserte Gruppen haben zuallererst mit dieser Ignorierbarkeit zu kämpfen, weshalb sie manchmal zu „radikaleren“ Aktionsformen greifen. Große Übermacht und graduell weitreichende Autonomie erleichtern umgekehrt das Ignorieren von anderen.

Prinzipiell ist Macht in Hörbarkeit konvertierbar. In einer Gesellschaft mit relational verbundenen ‚besseren‘ und ’schlechteren‘ Positionen und Funktionen existiert je nach sozialem Zusammehang ein Spektrum der Hörbarkeitsvoraussetzungen. Diese Voraussetzungen existieren auch in subkulturell oder theoretisch definierten sogenannten herrschaftsfreien Räumen, wo es das Bemühen um Offenheit des Zugangs und um offene Verhandlungen gibt. In solchen Zusammenhängen beinhaltet dieses Spektrum andere (insbesondere gruppen- und rangdynamische) Ausschlußmechanismen, die zwar „versteckter“ funktionieren, jedoch formell angreifbarer sind, weil sie dem Anspruch der Offenheit zuwiderlaufen. Die Hörbarkeit muß jedoch auch in solchen Zusammenhängen erst hergestellt werden; sie existiert nicht von selbst. In anderen sozialen Zusammenhängen gilt umsomehr, daß Offenheit nicht selbstverständlich ist, sondern der Zugang erst durch Machtanwendung erwirkt werden muß. Dieser Zugang bedeutet, sich selbst in ein Verhältnis der Interaktion mit dem Gegenüber zu setzen, in einem Handlungsstrang nicht ignorierbar sondern als mitspielende Größe für die anderen Beteiligten präsent zu sein.

In den gegebenen arbeitsteilig organisierten politischen Zusammenhängen sind nicht nur bestimmte marginalisierte Gruppen sondern die große Mehrheit der Bevölkerung zumeist mit der Tatsache konfrontiert, daß bestimmte für die Allgemeinheit verbindlich gemachte und den Staatsapparaten zur Durchsetzung übertragene Norm- und Struktursetzungen ‚über die Köpfe hinweg‘ entschieden und installiert werden. Diese Arbeitsteiligkeit im Politischen stellt eine systemische Grenze für die Offenheit der Entscheidungsprozesse dar. Die Entscheidungsgremien sind geschlossene Zirkel, die gemäß dem hegemonialen Arrangement von VertreterInnen bestimmter Interessen besetzt bzw. nur für diese „offen“ sind. Jenen Interessen, die es noch nicht geschafft haben, sich erfolgreich in die Gremien hineinzureklamieren, müssen erst einen entsprechenden Machtkampf austragen.

Der Weg von einer marginalisierten Position in Richtung Mitentscheidung beginnt bei der Einseitigkeit der Kommunikation, der Nichtanhörung und geht darüberhinaus eventuell bis zur Unterdrückung der Artikulation bestimmter Interessen z.B. durch Verweigerung von politischen Rechten (z.B. passives Betriebsratswahlrecht für NichtösterreicherInnen), Zensur (z.B. Nichtannahme von bestimmten Gastkommentaren in Zeitschriften, weil sie InserentInneninteressen zuwiderlaufen), Bildung von Medienkartellen mit Quasimonopolstellung, Versammlungsverbot, usw. Der erste Schritt in politischer Hinsicht besteht im Eindringen in die ziel(gruppen)relevanten Diskursstränge, sei es in Form der direkten Ansprache von EntscheidungsträgerInnen, sei es als förderlicher Artikel im Politikteil der Tageszeitungen, sei es durch Plazierung von Botschaften in Spezialmedien mit bestimmtem Publikum, sei es durch Herausgabe eines eigenen Mediums, usw. Je nach Machtverhältnis und Vereinbarkeit der Interessen ist schon dieser erste Schritt des Sich-hörbar-Machens mit Machtanwendungsaufwand verbunden. Für marginalisierte Positionen ist dieser Aufwand von vornherein höher, manchmal aufgrund der nicht vorgängigen Alliierung und Mobilisierung von Ressourcen im Streben nach bestimmten Diskursverstärkungspositionen momentan unüberwindlich. Solange die Diskursposition nicht gefestigt ist, droht außerdem der ständige Rückfall vor den ersten Schritt.

Die Kämpfe zur Eroberung einer Diskursposition vollziehen sich einerseits nach außen als Konfrontation gegenüber bereits etablierten Interessenvertretungen. Und sie vollziehen sich gleichzeitig „nach innen“ im Ringen um die Zusammenführung der prospektiv „eigenen“ Kräfte. Je umfassender und widerspruchsloser/eindeutiger die Betroffenheit in den verschiedenen (diskursiv mitkonstruierten) Lebensinteressen, je größer der aus deren Unerfülltheit resultierende Leidensdruck, je größer die Anzahl der betroffenen Individuen, je fortgeschrittener die Artikulation dieser Interessen, je weiter die Diskurse über diese Interessen in den Interdiskurs eingedrungen sind, je geringer die Konterkarierung/Interferenz durch andere nicht parallellaufende Interessendiskurse, je breiter daher die Mobilisierbarkeit, desto eher ist eine tragfähige Strömungsbasis für eine politische Bewegung zur Durchsetzung eines bestimmten Interesses gegeben.

Interessen sind nicht an sich und „objektiv“ gegeben; sie existieren nur in Auseinandersetzungen und sind immer diskursiv mitkonstituiert. Die Positionen im gesellschaftlichen Gefüge und die daraus resultierenden Erfahrungen setzen sich erst „über einen sehr komplexen und widersprüchlichen Vermittlungszusammenhang in „Interessen“ um.“ (HÄUSLER/ HIRSCH 1987, 685f).

„Die Anwendung der Konzeption des Interesses in der wissenschaftlichen Analyse ist an bestimmte historische Voraussetzungen gebunden: an reale Verallgemeinerungen von Lebenslagen und an Diskurse, in denen diese Verallgemeinerung auch thematisierbar ist.“ (GERSTENBERGER 1990, 520)

Interessen existieren auch nicht für sich bzw. werden nicht isoliert von einer Gruppe, einem agent ausgearbeitet. Ausarbeitung, Artikulation und Organisation von Interessen geschieht – in antagonistischen, durch soziale Diskrepanzen und Diskriminierungen strukturierten Gesellschaften – stets in und als Auseinandersetzung mit anderen Gruppen, sowie als mehr oder weniger konfliktueller Prozess innerhalb der jeweiligen Gruppe.

Die Möglichkeit der zuschreibbaren handelnden Einflußnahme auf gesellschaftliche Entwicklungen kommt insbesondere artikulierten und organisierten Interessengruppen zu. Margaret ARCHER bezeichnet solche Gruppen als „corporate agents“. Zu den corporate agents zählen „self-conscious vested interest groups, promotive interest groups, social movements and defensive associations“ (ARCHER 1995, 258). Typical powers von corporate agents sind:

„… capacities for articulating shared interests, organizing for collective action, generating social movements and exercising corporate influence in decision-making. Corporate agents act together and interact with other agents and do so strategically, that is in a manner which cannot be construed as the summation of individuals, self-interest.“ (ARCHER 1995, 260)

Insbesondere für die vested interest groups geht es darum, die Vorteile, die aus der spezifischen Position gezogen werden, zu verteidigen, um den vorteilhaften status quo im strukturell-kulturellen System zu verlängern.

„(W)e are all born into a structural and cultural context which, far from being of our making, is the unintended resultant of past interaction among the long dead. Simultaneously we acquire vested interests in maintenance or change according to the privileged or under-privileged positions we occupy and whether the situations we confront are sources of rewarding or penalizing experiences.“ (ARCHER 1995, 253)

Den „corporate agents“ stellt ARCHER die „primary agents“ gegenüber, welche zu einem bestimmten Zeitpunkt weder ihre Interessen artikulieren noch sich für ihre strategischen Zwecke organisieren, sei es in der Gesamtgesellschaft oder in einem bestimmten institutionellen Sektor – was aber nicht heißt, daß ihre Existenz keine Auswirkungen hat: Primärkollektive (Extrembeispiel: Kinder) sind uU „passiv geschichtsmächtig“, wenn von bestehenden corporate agents mit Bezugnahme auf sie gehandelt wird, ohne daß jedoch eine mögliche Infragestellung dieser Handlungen aus der Sicht der „Behandelten“ oder gar etwaige Reaktionen berücksichtigt werden müssen.

Je nach Position im gesellschaftlichen Ganzen, nach Korporationsgrad („Selbstbewußtsein“ als Kollektiv, Artikulation der Interessen und Organisation), nach Zusammensetzung und Größe des Kollektivs sowie nach daraus resultierendem Machtpotential hat ein Kollektiv andere Handlungsmöglichkeiten sowie andere Hindernisse in etwaigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen zu überwinden. Die (stets diskursiv mitkonstruierten) Interessenlagen laufen prinzipiell kreuz und quer durch die Subjekte und die verschiedenen Kollektive. In der Allierung der Interessen über entsprechende diskursive Interventionen, in der Zusammenführung, Bewußtmachung und Vergrößerung eines Kollektivs besteht ein Großteil der politischen Arbeit.

Bei solchen Bemühungen sind diskursive Ereignisse (vgl. Jäger 1993, 157). von besonderer Bedeutung, die das gemeinsame Interesse und die Konfliktlinie gegenüber einer als gegnerisch dargestellten „anderen Seite“ verdeutlichen. Solche fokussierenden diskursiven Ereignisse ergeben sich zumeist aus den Handlungen der anderen Seite selbst. Dazu eine Analogie aus der „Kunst des Krieges“:

„(D)ie Gelegenheit, den Feind zu schlagen, gibt uns der Feind selbst. Deshalb der Spruch: Man kann wissen, wie man siegt, ohne fähig zu sein, es zu tun.“ (SUNZI 1996,43)

Diskursive Ereignisse wie z.B. die über mehrere Wochen medial behandelte Tötung des Nigerianers Marcus Omofuma am 1. Mai 1999 durch „Ruhigstellung“ mit Klebeband im Flugzeug im Rahmen einer Abschiebeaktion geben einen Angelpunkt, an dem sich breitere Allianzen bilden und die Gemeinsamkeiten bei der Artikulation der Interessen wachsen können. Ähnliche Fälle in Großbrittannien und Belgien waren für die Entwicklung des Kampfes der (politisch) Schwarzen von historischer Bedeutung. Für die derzeitige Situation in Österreich ist kennzeichnend, daß die (politisch) Schwarzen (hauptsächlich die seit den 60er Jahren Eingewanderten) hierzulande trotz ihrer weitgehend durch strukturelle Diskriminierung bestimmten gleichen gesellschaftlichen Lage noch keine gemeinsamen corporate agents herausgebildet haben. Vielmehr stehen wir einem zersplitterten Ensemble der verschiedensten insbesondere ethnisch segregierten communities gegenüber. Diese Segregation löst sich mit dem Heranwachsen der sogenannten zweiten Generation langsam auf; ein Prozeß, der durch Verstärkung des Drucks auf die MigrantInnen (z.B. in Form der Verschärfung der Fremdengesetze) noch beschleunigt wird.

Bisher ist die Hörbarkeit dieser Gruppen v.a. aufgrund ihrer Marginalisierung, ihrer Kleinheit und Zersplitterung kaum gegeben. In diesem Stadium begegnen wir paradoxerweise Formen des formalen Gehörs: Was früher durch Vorzensur unterdrückt wurde, wird heute durch Gewährung von Lobbyingterminen, Installierung von Beiräten, runden Tischen und Kongressen bis zur völligen Folgenlosigkeit absorbiert. Diese Formen des formalen Gehörs unterbinden die Hörbarkeit im Mainstream, sie verhindern den Vorstoß in den Interdiskurs und bewirken dann erst recht keinen Einfluß auf die tatsächlichen Struktursetzungen. Insbesondere NGOs sind mit diesen Phänomenen konfrontiert. Sie treffen mit ihren zumeist auf der Höhe der gesellschaftlich herrschenden Wertvorstellungen befindlichen Forderungen weniger auf direkten Widerstand sondern vielmehr auf solche Absorbtionsmechanismen, die den ‚pragmatischen‘ Status Quo der ’staatsräsonablen‘ herrschenden Praxis vor ideologisch induzierten Veränderungen schützen. Die Angriffe auf den Status Quo werden dadurch möglich, daß die herrschende Ideologie nie kongruent mit der Ideologie der Herrschenden ist (vgl. ZIZEK 1997, 29f). Widersprüche sind die Weichteile des Systems. Dementsprechend versucht die „andere Seite“ mit solchen Absorbtions- und Vereinnahmungstaktiken, sich erst gar nicht in die Position der anderen Seite drängen zu lassen.

Diskursive und nichtdiskursive Seiten der Macht

Wahrscheinlich noch zentraler als der Diskursbegriff ist für die Sozialwissenschaften der Begriff der Macht. Max WEBER hat – wahrscheinlich ohne es zu wollen – durch seine berühmte Beschreibung der Macht als soziologisch amorph (1985, 28) dafür gesorgt, daß mehrere Generationen von WissenschaftlerInnen diesen Begriff relativ beliebig einsetzen. Erst Michel FOUCAULT (vgl. insb. 1983, 101-124) hat der Theorie der Macht wieder einen starken Impuls zu geben vermocht.

Die wissenschaftliche Bedeutung des Machtbegriffes hat nicht zuletzt damit zu tun, daß „Macht“ das Zentrum dessen beschreibt, was Sozialwissenschaft eigentlich zu begreifen sucht, nämlich das Wirken auf eine bzw. in einer Gesellschaft, das Wirkung erzielen bzw. Wirkung erzielen können, d.h. das sozial Wirkende und das Wirkungspotential. Alles, wodurch Subjekte potentiell oder aktuell wirken, kann in diesem weitesten Sinne als menschliche Macht begriffen werden. Und alles, wodurch Strukturen Wirksamkeit (u.a. auf Subjekte) entfalten, kann in diesem weitesten Sinn als Macht der Strukturen, als strukturell angelegte Tendenz, als struktureller Druck bis hin zum Sach- oder Denkzwang interpretiert werden. (FN 3)

Wenn wir uns auf diesen weiten Machtbegriff einlassen, können wir jedenfalls feststellen: Macht ist nicht nur diskursiv. Auf allen Ebenen des Machtbegriffs verkreuzen sich diskursive und nichtdiskursive Dimensionen. Auf der Ebene des subjektiven Machtpotentials, d.h. der Machtressourcen (inkl. Rechten, Revenuen und fremden Antizipationen) begegnen wir symbolischem (inklusive kulturellem und sozialem) Kapital genauso wie ökonomischem Kapital und koerzivem Kapital (vgl. BOURDIEU 1992, 49-79), die allesamt in die diskursive Dimension hineinspielen, indem sie gedeutet werden (können).

Auf der Ebene der handelnden Machtanwendung durch die Subjekte findet sich ein Spektrum der individuellen Handlungsformen, mit denen u.a. versucht werden kann, eine andere Person im Rahmen unmittelbarer Interaktion zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen. Dieses Spektrum reicht von Vorschlag, Bitte, Vorhaltung, Versprechen, Überzeugung, Überredung, Manipulation, Befehl, Bluff und Drohung bis zur Gewaltanwendung. Diese Machtanwendungsformen sind allesamt unmittelbar diskursiv. Allein die Gewaltanwendung per se enthält zusätzlich zu ihrer Deutbarkeit ein diskursüberschreitendes Moment durch ihr unmittelbares Ansetzen an der körperlichen Existenz.

Daneben existiert ein Bereich der mittelbaren Interaktionen gegenüber Dritten, der durch Multiplikation, Kolportage und Proliferation diskursiv gesetzter Akte bewerkstelligt wird. Die Weiterleitung von Botschaften erfolgt auf Seiten der Weiterleitenden eventuell ohne die Intention, Dritte zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen, was aber eventuell dennoch in der vom ursprünglich diskurssetzenden Individuum intendierten Form passiert, so als ob die Anrufung unmittelbar geschehen wäre. Solche weniger kontrollierbaren mittelbaren Machtanwendungen passieren ausschließlich diskursiv. Wir sehen also, daß auf der Ebene der Interaktionen Wirkungs-Macht in zentraler Weise mit Diskurs verbunden ist.

Der Bereich der interaktiven Machtanwendung zwischen Subjekten vor dem Hintergrund unterschiedlicher Ressourcenausstattungen ist jedoch nicht streng zu unterscheiden vom Bereich der strukturellen Macht. Im Gegenteil: Auch das Handeln in der unmittelbaren Interaktionssituation erzeugt zunächst einmal nichts anderes als Strukturen, die zu Strukturen im Handlungsfeld des Gegenüber werden und zusammen mit einer Vielzahl anderer in der Situation zusammenwirkender Strukturen die Grundlagen, Bedingungen, Antriebe, Widersprüche, Möglichkeiten und Grenzen für etwaige Handlungen des Gegenüber bilden. So verknüpfen sich Diskursbeiträge in der Interaktion mit jenen Diskursen, die das Gegenüber „mitbringt“, die durch die Anrufung oder durch die Situation generell beim Gegenüber aufgerufen werden.

Die oberflächlich betrachtet „rein diskursiven“ Machtanwendungen sind solchermaßen stets auch von diskursiv aufgerufenen materiellen Momenten begleitet. Hinter den diskursiven Machtanwendungen stehen die Unannehmlichkeiten jeglicher Konflikteskalation mit eventuell losgetretenen Negativsummenspielen, Sanktionsketten und Gewaltanwendungen, die sich auf den Bereich der Ressourcen in Form von möglicher Bindung bzw. von Verschleiß der (zeitlichen, körperlichen, gesundheitlichen, usw.) Kräfte, verminderten Revenuen und Einschränkung von Rechten sowie Veränderung der fremden Antizipationen und nutzbaren Zuschreibungen im Rahmen der Auseinandersetzung negativ im Sinne von (materiellen, positionalen, funktionalen, optionalen, usw.) Verlusten auswirken können, was wiederum eine Verminderung der Fähigkeit zur Machtanwendung nach sich zieht.

Compliance, d.h. das der fremden Machtanwendung Folgeleisten bzw. Einlenken oder Nachgeben, resultiert somit selten unmittelbar aus einem diskursiven Akt, sondern ist zu einem großen Teil bedingt durch die habituell geprägte Antizipation, daß das Gegenüber eventuell „am längeren Ast sitzt“ oder „den längeren Atem“ in einer Auseinandersetzung haben würde oder in irgendeiner Form stärker, mächtiger wäre. Compliance resultiert oft aus der (diskursiv mitgeformten) negativen Vorerfahrung, aus gelernter Furcht oder Angst vor den möglichen Auswirkungen jeglicher Versuche, „den eigenen Kopf durchzusetzen“. Die gleiche oder ungleiche Verteilung der Bereitschaft zur compliance in einer Gruppe sowie die Konzentration dieser Bereitschaft auf bestimmte Subjekte sind ein wesentlicher Indikator für die oft unausgesprochenen Machtverhältnisse in einer Gruppe.

Über den Bereich der interaktiven Machtanwendung hinaus erstreckt sich ein weiter Bereich des strukturell angelegten Drucks, in der diskursiven Dimension ebenso wie in anderen Dimensionen. Eine Bearbeitung dieses weiten Feldes kann hier nur beispielhaft erfolgen: So sind zunächst relativ unabhängig von der diskursiven Dimension strukturelle Zwänge beschreibbar, die insbesondere an der (sozial überformten) körperlichen Existenz der Subjekte ansetzen und sie zu bestimmten Verhaltensweisen nötigen. Die Bedeutung der ökonomischen Verhältnisse für die Erklärung des Sozialen rührt nicht zuletzt daher, daß die Subjekte zur Selbsterhaltung in sozial-statusmäßiger, zuletzt aber auch in körperlich-existenzieller Hinsicht „von sich aus“ gezwungen sind, sich ökonomisch zu verhalten, ohne daß sie ein anderes Subjekt noch per Machtanwendung extra dazu bringen müßte. Sie sind gezwungen, sich in Tauschprozesse einzulassen, in denen die Ressourcen und Produktionsmittel im Rahmen der bestehenden Eigentumsordnung extrem ungleich verteilt sind. Das Produkt ihrer Arbeit sowie die damit verbundene Möglichkeit der Erzielung von Gewinn und Akkumulation von weiterem ökonomischem Machtpotential steht im Rahmen dieser Eigentumsordnung automatisch einigen Wenigen zu.

Die ökonomischen Zwänge stehen allerdings nicht für sich, sondern werden von Diskursen begleitet, die wesentlich für den Umgang der Subjekte mit diesen Zwängen verantwortlich sind. So gilt nach wie vor der Spruch vom agressiven Schweigen des Kapitalismus von sich selbst im Sinne von Dethematisierung und systematischer Verwerfung entsprechender Diskursbeiträge außerhalb bestimmter kleiner subkultureller Zirkel. Demgegenüber werden zunehmend realere Deklassierungsängste mit ständig präsent gehaltenen Bildern von ökonomisch deklassierten und marginalisierten Minderheiten genährt. Zusammen mit der hegemonialen Konzeption von Identität, die zu einem wesentlichen Teil vom Beruf(haben) bestimmt ist (Stichwort: jobholder-identity), nimmt das Ökonomische in Zeiten der neoliberalistischen Auflösung des Wohlfahrststaatsmodells in Europa bzw. im Weltmaßstab durch das fortschreitende Zurückdrängen der Subsistenzwirtschaft eine immer dominantere Stellung im Sozialen ein und macht ein wesentliches Moment des auf der großen Mehrheit der Subjekte lastenden strukturellen Drucks aus.

Neben dem Ökonomischen existieren noch viele andere Formen des mehr oder weniger subtilen strukturellen Drucks. Nicht zuletzt erzeugen auch die zu Ideologien verdichteten Diskurse (siehe schon oben) solche Druckformen, die eventuell auch Ängste und dazu komplementäre Zwänge erzeugen können. Diese Druckformen haben wesentlichen Einfluß auf die Formulierung der Interessenpositionen in einer Gesellschaft, die wiederum bestimmen, in welche Auseinandersetzungen sich die Subjekte miteinander einlassen. In diesen Auseinandersetzungen kommen zuallererst strukturelle Strömungen und Funktionalitäten, dann die jeweilige auf die Auseinandersetzung bezogenen Ressourcenlagen und schließlich die subjektiven Fähigkeiten zur Machtanwendung zum Tragen.

Strukturen wirken auf Subjekte, indem sie die (nomadischen) Subjekte selbst sowie ihre Handlungsspielräume, ihre Handlungsformen und Handlungsinhalte präformieren. Strukturen legen Schienen, suggerieren oder verschleiern Möglichkeiten, verteilen Positionen und Funktionen, definieren Situationen, konstruieren Konstellationen, inkludieren Subjekte oder schließen sie aus bzw. halten sie im Zustand der Interpassivität, verbinden oder trennen Handlungsstränge, erzeugen, beschleunigen und intensivieren Tendenzen und Gegentendenzen, werfen Widersprüche auf und setzen Grenzen. Die einzelnen Momente struktureller Macht wirken stets ineinander und sind ineinander verschachtelt. Nichtsdestotrotz ist es möglich, die einzelnen Momente anhand ihrer Wirkungs-Dominanz zu beurteilen und zu differenzieren. Das Spektrum reicht vom schwachen Einfluß bis zum unbedingten Zwang.

Auf die Vielfalt der potentiell dominanten strukturellen Momente kann hier nicht weiter eingegangen werden. Ihre Erwähnung und der exemplarisch kurze Hinweis auf das Ökonomische dienen hier v.a. dazu, das diskursive Agieren der Subjekte in einen gesellschaftlichen Zusammenhang zu stellen und damit idealistische bzw. individualistisch-monadische Subjektkonzeptionen zurückzuweisen. Stets geht es darum, das Diskursive als Wirkendes im Verhältnis zur Macht im allgemeinen zu begreifen. Damit werden die Diskursivität der Macht und die Macht der Diskurse im Sinne eines Stellenwerts deutlich, der bestimmten Diskursen im Spektrum des historisch Wirkenden zukommt.

Literatur:

ARCHER, Margaret S. 1995: Realist social theory: the morphogenetic approach. Cambridge

BOURDIEU, Pierre 1992: Die verborgenen Mechanismen der Macht. Hamburg

BUTLER, Judith 1998: Haß spricht. Zur Politik des Performativen. Berlin

DAUM, Pierre 1998: Ausländer auf Lebenszeit; in: Le Monde Diplomatique/die Tageszeitung/ WoZ – Oktober 1998 – 2

FOUCAULT, Michel 1983: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt am Main

FRARY, Raoul 1884: Handbuch des Demagogen. Hannover

GERSTENBERGER, Heide 1990: Die subjektlose Gewalt. Theorie der Entstehung bürgerlicher Staatsgewalt. Münster

GROSSBERG, Lawrence 1993: The formations of cultural studies. An American in Birmingham; in: Udda Blundell/John Shepherd/Ian Taylor (Eds.): Relocating Cultural Studies. Developments in Theory and Research. London; New York

HÄUSLER, Jürgen/ HIRSCH, Joachim 1987: Regulation und Parteien im Übergang zum ‚Post-Fordismus‘; in: Das Argument 165, S. 651-671

JÄGER, Siegfried 1993: Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung. Duisburg

NEGT, Oskar/KLUGE, Alexander 1993: Maßverhältnisse des Politischen. 15 Vorschläge zum Urteilsvermögen. Frankfurt am Main

SUNZI 1996: Die Kunst des Krieges. München

WEBER, Max 1985: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie. Tübingen

ZIMA, Peter V. 1989: Ideologie und Theorie: eine Diskurskritik. Tübingen

ZIZEK, Slavoj 1997: Multiculturalism, or, the Cultural Logic of Multinational Capitalism; in: New Left Review 225, Sept/Oct. 1997, 28-51

(1) Auf den Subjektbegriff kann im Rahmen dieses Artikels nicht ausführlicher eingegangen werden. Es sei nur angedeutet, daß hier von einem nomadischen Subjekt nach dem Vorbild der ‚postmodern cultural studies‘ (vgl. GROSSBERG 1993, 60f) ausgegangen wird: „The subject – as actor, audience, communicator or agent – is itself a construction, the articulated and articulating movement within and between apparatuses. (…), there is no necessary completeness of the subject which is required by the demands of agency: subjects can, in particular instances, be partial; on one level, the subject may be effective as a body (without consciousness) or even as a partial body; on another level, the complicitous subject may be defined in affective rather than ideological or material terms, and still on another level, wether, where and how their gender identity is determinative within a particular apparatus (and not merely how that gender difference is articulated) is part of the active reality of the apparatus itself. This vision of ’nomadic subjectivity‘ existing only within the movement of and between apparatuses rejects both the existential subject who has a single, unified identity and the deconstructed, permanently fragmented subject. Moreover it refuses to reduce the subject to either a psychoanalytic or a social-textual (ideological) production. The nomadic subject is constantly remade, reshaped as a mobile situated set of vectors in a fluid context. The subject remains the agent of articulation, the site of struggle within its own history, but the shape and effective nature of that subject is never guaranteed. The nomadic subject is amoeba-like, struggling to win some space for itself in particular apparatuses (as historical formations). (…) Additionaly, it always inhabits numerous apparatuses simultaneously which are themselves articulated to one another.“

(2) Manche Passagen in diesem Abschnitt stammen aus dem unveröffentlichten Zwischenbericht zum Forschungsprojekt „Strategische Potentiale gegen Fremdenfeindlichkeit“ von Hans Pühretmayer und mir.

(3) Der hier skizzierte Machtbegriff erscheint auf den ersten Blick genauso soziologisch amorph, wie jener von WEBER, der schreibt: „Alle denkbaren Qualitäten eines Menschen und alle denkbaren Konstellationen können jemand in die Lage versetzen, seinen Willen in einer gegebenen Situation durchzusetzen.“ (1985, 28f). Anstatt aber diesen – wenngleich individualistischen – Machtbegriff weiterzudenken und das, was WEBER als „Qualitäten“ und „Konstellationen“ beschreibt, näher auszuführen, schreitet WEBER unmittelbar zum „präziseren“ Begriff der Herrschaft fort (vgl. ebendort). Machttheorie muß jedoch mE. genau den umgekehrten Weg gehen und versuchen, die Vielfalt des sozial aktuell und potentiell Wirksamen zu differenzieren und in seinen Zusammenhängen denkbar zu ordnen. Zu dieser umfassenden Sicht hätte auch WEBER zurückgelangen müssen, wenn er sich mit seinen „Qualitäten“ und „Konstellationen“ näher auseinandergesetzt hätte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s