Strategische Potentiale gegen Rassismen

Von Hans Pühretmayer und Andreas Görg
Alt, aber immer noch herzeigbar: Studie aus dem Jahr 2000 (erstellt ab 1997) Strategische Potentiale gegen Rassismus (Studie als PDF, 4,1 MB)

Zusammenfassung des Forschungsprojekts

Strategische Potentiale gegen Rassismen

Von Hans Pühretmayer und Andreas Görg

Wien, 2000

Während zum Thema Rassismus seit gut einem Jahrzehnt die Publikationen stetig zunehmen, ist das Thema Antirassismus im deutschsprachigen Raum bisher kein eigenständiges Forschungsgebiet der Sozialwissenschaften; es existieren nur vereinzelte Arbeiten (wie diejenigen von Leiprecht, Hess/Linder, Aluffi-Pentini et al., Kurswechsel 1/2000). Zwar wird auch von britischen und französischen ForscherInnen ein Defizit an Analysen zu Widerstandsformen gegen Rassismus und damit verbundene Ausschließungsformen selbstkritisch festgestellt. Allerdings geht diese Kritik von einer insgesamt breiteren Basis aus, sowohl bezogen auf den Stand der Forschung als auch auf die Relevanz und Durchsetzungskraft von antirassistischen Initiativen.
Die verschiedenen Ansätze antirassistischer Praxis können eingeteilt werden in einen reaktiv-binären (mit dem moralischen Antirassismus als dominanter Strömung), einen technisch-ökonomistischen bzw. technisch-kulturalistischen Antirassismus sowie einen emanzipatorischen Antirassismus. Letzterer versteht sich als ein konstitutives Element eines Gesellschaftsprojekts, das eine weitgehende Demokratisierung aller Gesellschaftsbereiche und eine Emanzipation der Menschen anstrebt, und nicht nur als Opposition zu den vorhandenen Rassismen.
Unser Projekt war geleitet von der Idee, nicht ‚am Schreibtisch‘ eine antirassistische Strategie zu entwerfen, die dann von außen an die antirassistisch Engagierten herangetragen würde. Vielmehr wurde schon im Forschungsdesign auf empowerment-eröffnende Möglichkeiten der Kooperation mit antirassistischen Initiativen Wert gelegt.
Nach der theoretischen Vorbereitung und einer Reihe von Interviews haben wir im November 1998 und im April 1999 Gruppendiskussionen mit jeweils denselben VertreterInnen von verschiedenen Wiener antirassistischen Initiativen veranstaltet. Parallel dazu haben wir in antirassistischen Gruppen mitgearbeitet, um mit den Mitteln der unstrukturierten teilnehmenden Beobachtung einen profunderen Eindruck von der Ressourcenausstattung insbesondere in finanzieller, personeller und organisatorischer Hinsicht und von den spezifischen Problemen der Antirassismus-Arbeit zu erhalten. Basierend v.a. auf den methodischen Überlegungen von Norman Fairclough haben wir die Gruppendiskussionen mit den Mitteln der Critical Discourse Analysis im Hinblick auf die zum Ausdruck kommenden strategischen Potentiale ausgewertet.
Als strategische Potentiale fassen wir alles, was die AktivistInnen aktivieren und nutzen können, um ihre Handlungskontexte reflektiert zu erfassen und dementsprechend darauf abgestimmte Ressourcen zu beschaffen und diese zur Erreichung bestimmter Ziele einzusetzen sowie um in bestimmte Allianzen einzutreten. Die strategischen Potentiale beinhalten somit neben der Ressourcenausstattung und der Allianzfähigkeit auch ein starkes selbstreflexives Moment.
Grundsätzlich ist die Situation rassistisch diskriminierter Menschen in Österreich vor allem durch die strikte Weigerung der Politik, MigrantInnen aus ‚Drittländern‘ politische Mitbestimmung zu ermöglichen, sowie eine institutionell und kulturell verfestigte Tradition der Ausgrenzung des „ethnisch Fremden“ geprägt. Nachdem der Protest gegen die neuen Fremdengesetze von den Regierenden im Rahmen des Lichtermeers 1993 gegen die FPÖ vereinnahmt werden konnte, lösten sich viele antirassistische Initiativen Mitte der 90er Jahre wieder auf. Die Organisationen der MigrantInnen waren zu dieser Zeit kaum mit den Betreuungs-NGOs vernetzt. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre kommt es zu einem neuen Anlauf seitens antirassistischer Initiativen, welcher hauptsächlich von den MigrantInnen, die beginnen, sich Community-übergreifend in Vereinen zu organisieren, ausgeht. Dieser Aufschwung äußert sich u.a. in der ersten Demonstration von Schwarzen in Österreich gegen Rassismus insbesondere seitens der Polizei.
Die Diskussionen waren stark geprägt von den negativen Erfahrungen der vergangenen Jahre. Selbst in jenen Diskurssträngen, in denen die Entwicklung von Perspektiven naheliegen würde (z.B. bezüglich der beginnenden politischen Aktivitäten der sogenannten zweiten Generation), lag die Betonung eher auf der Erklärung, warum antirassistische Arbeit bisher nicht sonderlich effektiv war.
Sowohl im Staat (z.B. scheiterten bisher alle Versuche von minoritären Gruppen, ein Anti-Diskriminierungs-Gesetz durchzusetzen) als auch innerhalb der österreichischen Zivilgesellschaft stellt emanzipatorischer Antirassismus ein Randthema dar. „Ein Bewusstsein, dass es sowas wie eine antirassistische Zivilgesellschaft geben soll, und dass sowas geschaffen werden soll, und dass man daran auch arbeitet, gibt’s eigentlich nicht“, stellte ein Diskussionsteilnehmer fest. Für die aktuelle Schwäche des emanzipatorischen Antirassismus wurden weiters der geringe Organisationsgrad der antirassistischen Initiativen, eine mangelnde Mobilisierbarkeit größerer Menschenmengen, eine von paternalistischer Entmündigung geprägte ‚Stellvertreterpolitik‘ verschiedener ‚weißer‘ Organisationen sowie eine nur partielle Solidarität der rassistisch Diskriminierten untereinander verantwortlich gemacht. Daraus resultiert, dass sich antirassistische Initiativen derzeit auf Lobbying und Interventionismus als vorherrschende Aktionsformen beschränken (müssen). Zudem werden seitens anderer gesellschaftlicher Kräfte kaum Allianzen mit antirassistischen Initiativen gesucht.
Selbstkritisch betrachten die Initiativen ihre Subventionsabhängigkeit. Da sich die Projekte, welche einen Großteil der Arbeitskraft binden, an den Leitlinien der wenigen förderungsvergebenden staatlichen Stellen orientieren müssen, sind die Gruppen nicht unabhängig bei der Gestaltung ihrer Schwerpunkte. Diese Bindung an Projekte erschwert nicht nur grundsätzlichere Reflexionsprozesse, sondern hält die Organisationen auch ziemlich effektiv von Konfrontationen mit den politischen EntscheidungsträgerInnen ab. Insbesondere die Beratungsorganisationen geraten aufgrund ihrer Positionierung zwischen dem Staat und den rassistisch Diskriminierten in ein Dilemma, das durch die finanzielle Abhängigkeit bei gleichzeitiger weitgehender politischer Ohnmacht noch verschärft wird.
Über die Form der Beschaffung und des Einsatzes von Ressourcen wurde zwar im Rahmen einer ausgedehnten Diskussion über Mobilisierungsfragen debattiert. Allerdings stellten die VertreterInnen der von uns untersuchten Initiativen durchaus selbstkritisch fest, dass sie bislang keine eigenständigen, auf das Thema Antirassismus abgestimmten, Mobilisierungsstrategien entwickelt haben.
Die Arbeitskultur der antirassistischen Initiativen, die aufgrund der geringen finanziellen und personellen Ressourcen von engagierter Selbstausbeutung geprägt ist, lässt wenig Zeit für kollektive Selbstreflexion und Strategieentwicklung. Über die Investierbarkeit der eigenen Ressourcen in Richtung Effektivität besteht zum Zeitpunkt der Gruppendiskussionen teilweise Ratlosigkeit, welche mit einer gewissen Beliebigkeit einhergeht: Da das gesamte Engagement prinzipiell immer zuwenig ist, scheint auch jede Energie gleichermaßen gut investiert. Insgesamt ist festzustellen, dass die Reflexionsfähigkeit in Richtung einer Kritik am gesellschaftspolitischen Kontext sowie an den eigenen Problemen und Mängeln sehr differenziert ist. Demgegenüber ist die Reflexionsfähigkeit hinsichtlich Perspektiven der antirassistischen politischen Arbeit zum Zeitpunkt der Gruppendiskussionen noch sehr ausbaubedürftig.

Strategische Potentiale gegen Rassismus (Studie als PDF, 4,1 MB)

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